Um eine weitere Täuschung aufzudecken, beschäftigten wir uns mit dem Dunning-Kruger-Effekt, benannt nach den Psychologen Justin Kruger und David Dunning, die den Effekt 1999 erstmals empirisch untersucht haben (vgl. Kruger & Dunning 1999).

Der Effekt setzt sich aus drei Elementen zusammen: Inkompetenz führt zu einem Mangel an metakognitiven Fähigkeiten (also der Fähigkeit, das eigene Wissen beziehungsweise Können realistisch zu bewerten). Dieser Mangel führt wiederum zu einer Selbstüberschätzung. Diese Selbstüberschätzung entspricht dem sogenannten Above-Average-Effekt, der allgemeinen Tendenz, sich selbst im Vergleich zu anderen als überdurchschnittlich einzuschätzen.
Aus der Studie von Kruger und Dunning lassen sich drei Thesen ableiten, die in vier Studien überprüft wurden:
- Inkompetente Personen überschätzen die eigene Leistung im Vergleich zu anderen.
- Die Selbsteinschätzung fällt ihnen schwerer als kompetenten Personen.
- Das Wissen über die Leistung anderer können sie nicht nutzen, um ihre eigene Einschätzung zu korrigieren.
Alle Studien hatten im Kern den gleichen Ablauf: Die Teilnehmenden absolvierten zunächst einen Test in einem bestimmten Bereich. Anschließend schätzten sie ein, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abgeschnitten hatten. Dieser Wert wurde abschließend mit der tatsächlichen Leistung verglichen.

Die erste These bestätigte sich in allen drei Studien: in Studie 1 im Bereich Humor, in Studie 2 im Bereich logisches Denken und in Studie 3 im Bereich Grammatik.
Zur Überprüfung der zweiten und dritten These wurde Studie 3 um einen zweiten Teil erweitert: Teilnehmende aus dem untersten und dem obersten Leistungsquartil korrigierten die Tests von fünf weiteren Personen und schätzten anschließend ihre eigene Leistung erneut ein. Dabei zeigte sich der falsche-Konsensus-Effekt: Menschen neigen dazu, ihre eigenen Einstellungen, Verhaltensweisen oder Fähigkeiten als Maßstab für andere anzunehmen. Kompetente Personen unterschätzten sich dadurch leicht, weil sie ihr eigenes Niveau bei anderen voraussetzten. Inkompetenten Personen fehlte dagegen die Fähigkeit, die gezeigte Kompetenz der anderen korrekt zu erkennen, weshalb sich ihre Selbsteinschätzung kaum änderte. Damit bestätigten sich auch die zweite und dritte These.
Studie 4 testete, ob gezieltes Training die Einschätzung verbessert: Nach einem Test im logischen Denken, vergleichbar mit Studie 2, erhielt die Hälfte der Teilnehmenden ein Training in eben dieser Fähigkeit. Dadurch verbesserte sich nachweislich die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung. Daraus folgt: Bei inkompetenten Individuen wirkt der Effekt doppelt. Sie ziehen falsche Schlüsse und können diese zusätzlich nicht als falsch erkennen.
Alle drei Thesen bestätigten sich. Der Dunning-Kruger-Effekt gilt als kaum vermeidbar, setzt aber ein Mindestmaß an Wissen im jeweiligen Themenbereich voraus.
Zum Abschluss versuchten wir, die Einstiegsfrage nach der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten auf einer Meta-Ebene zu reflektieren, wobei deutlich wurde, dass niemand in allen Themengebieten Experte sein kann und der Effekt deshalb nicht vollständig vermeidbar ist. Entgegenwirken kann man durch Selbstreflexion, durch Training im jeweils einzuschätzenden Fachbereichsowie durch Training des logischen Denkens allgemein. Letzteres knüpft an die Logik-Aufgaben der vorherigen Kurseinheiten (Ziegenproblem, Wason Selection Task) an.
Quellen:
Justin Kruger and David Dunning, Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments, in Journal of Personality and Social Psychology 77 (1999), 1121–1134.