Logisches Denken, fehleranfälliges Denken

,

Kill your darlings! – Der Imperativ, seine Liebsten buchstäblich zu töten. 

Fragt sich nur, was mit den „Darlings” und dem „Killen” gemeint ist. Ein „Darling” ist in unserem Kontext eine unhinterfragte Alltagsüberzeugung. Das „Killen”, also das Töten, beschreibt im Kurskontext schlicht das Hinterfragen der Letzteren. Und da man bekannter Weise sich selbst am liebsten, sozusagen der eigene “Darling”, ist, werden auch wir selbst nicht nur zum Subjekt, sondern auch zum Objekt  des Hinterfragens. Zu diesem Zweck bedienen wir uns der Psychologie, der Philosophie und damit allem voran unseres Denkapparats. 
Nach der Beschäftigung damit bedarf es auch immer einer Reflexion dessen, was wir überhaupt gerade tun – wir bewegen uns also auch auf der Meta-Ebene. Denn was, wenn das Töten unserer Darlings selbst zu einem ebenso unhinterfragten Darling wird? Gemäß unseres Mottos folgt daraus, dass wir diese Darlings dann auch töten müssten…

Wie können wir nun diese Darlings und unser „Killen” konzeptionell erfassen?

Als Annäherung an diese Frage eignet sich das in der Stochastik diskutierte Ziegenproblem
Ein Kandidat wird von einem Moderator vor drei geschlossene Türen gestellt; hinter einer befindet sich ein Preis und hinter den beiden anderen Nieten (hier die Ziegen). Der Kandidat trifft eine Wahl und wird im Folgenden vor eine weitere gestellt: Der Moderator öffnet von den verbleibenden zwei Türen eine, hinter der sich eine Ziege befindet und räumt nun die Möglichkeit des Wechsels der eingangs gewählten Tür ein.
Das Ziegenproblem ist ein gutes Beispiel für Trugschlüsse im menschlichen Denken, denn viele Menschen treffen die für sie suboptimale Entscheidung: Ein Wechsel erhöht die Gewinnwahrscheinlichkeit von ⅓ auf ⅔. Dem Handeln der meisten Menschen liegt jedoch die Annahme einer Gewinnwahrscheinlichkeit von ½ beim Ziegenproblem zugrunde. Sie wechseln also nicht, weil sie denken, dass es keinen Unterschied macht.

Auch der Cognitive Reflection Test, bei dem Aufgaben beantwortet werden, die eine instinktiv falsche Antwort provozieren, ließ uns verstehen, weshalb wir Denkfehler begehen: Wenn wir recht schnell und instinktiv über etwas nachdenken, verfallen wir in bestimmte Muster, die uns dann manchmal in die Irre führen. 

Nach dem Psychologen Daniel Kahneman zeigt dies das System I unseres Denkens. Das Pendant bildet das System II, bei dem wir abstrahieren und tiefer nachdenken – dafür ist es langsamer und mit mehr Anstrengung verbunden.
Ein Bild des maschinellen, immer gleich guten bzw. schlechten menschlichen Denkens kann man also verwerfen. Wir sollten stattdessen untersuchen, wo unsere Grenzen liegen. Die Systemfehler unseres Denkens zeigen sich in den kognitiven Verzerrungen.

Die „Conjunction (= Verknüpfung) Fallacy (= Täuschung)” zeigt, dass wir Plausibilität mit Wahrscheinlichkeit verwechseln. Den Versuchspersonen wird die Aufgabe gestellt, die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten bestimmter Ereignisse einzuschätzen. Dabei wird jedes Ereignis in zwei Abwandlungen vorgestellt: einmal in abstrakter Form, einmal in durch Kontextualisierung näher spezifizierter Form. Dabei tritt das abstrakte Ereignis immer auch dann ein, wenn das inhaltlich ähnliche, spezielle Ereignis eintritt, nicht jedoch umgekehrt. Daraus folgt, dass es für das abstrakte Ereignis immer mehr Realisierungsmöglichkeiten gibt, als für das spezielle Ereignis und darum die Wahrscheinlichkeit für sein Eintreten immer größer ist als die Eintrittswahrscheinlichkeit des Anderen. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit für jedes Ereignis dabei tatsächlich ist, spielt für den Versuch keine Rolle, vielmehr ist die Differenz zwischen den Wahrscheinlichkeiten der jeweils inhaltlich ähnlichen Ereignisse betrachtenswert.

Ein Beispiel:
Das Eintreten des Ereignisses „Eine Frau wird Präsidentin von Russland” wird von den Versuchspersonen als unwahrscheinlicher eingeschätzt, als das Eintreten des Ereignisses „Vladimir Putins Frau übernimmt offiziell das Amt des Präsidenten Russlands als Scheinpräsidentin”. Dabei verhält es sich jedoch genau umgekehrt: Das Eintreten des Ereignisses, dass eine Frau zur Präsidentin wird, ist wahrscheinlicher, als das Eintreten des Ereignisses, dass speziell Vladimir Putins Gattin zur Präsidentin wird.
Das Eintreten des kontextreicheren, deskriptiveren Ereignisses ist für die Versuchspersonen jedoch vorstellbarer und dadurch nachvollziehbarer beziehungsweise glaubhafter als das Eintreten des abstrakten Ereignisses. Dadurch schließen die Versuchspersonen fälschlicherweise auf eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit des speziellen Ereignisses.

Es lässt sich folgern: Um Sachverhalte abstrakt logisch zu betrachten, muss man sich von der Betrachtung von Plausibilität und Semantik frei machen.

Um weitere wichtige kognitive Verzerrungen, biases – welche oft Synonym zu fallacies verwendet werden –, zu verstehen, bietet sich die Forschung des Begründers der Denkpsychologie, Peter Wason, an. Er konzipierte dazu folgenden Versuch: Ein Zahlentripel (z.B. 2;4;6) wird nach einer bestimmten Regel aufgestellt. Die Versuchsperson hat die Aufgabe, durch das Aufstellen weiterer Triplets auf die Regel zu schließen. Zu diesem Zweck bewertet der Experimentator das neue Triplet im Hinblick darauf, ob die Regel zutrifft oder nicht.
Der effizienteste Vorgang ist hier die Falsifizierung bisheriger Vermutungen, bis eine dieser standhält. Bei der experimentellen Durchführung fällt jedoch auf, dass Teilnehmer diesen (zielführenderen) Weg nur ungern gehen. Sie suchen stattdessen Zahlentriplets, die ihren bisherigen Annahmen entsprechen.

Diesem Phänomen liegt der der Confirmation Bias zugrunde. Damit ist eine Täuschung gemeint, bei der Menschen dazu neigen, Theorien nicht zu falsifizieren, sondern Bestätigungen für sie zu finden. Wir halten an unseren bisherigen Überzeugungen fest, und wenn ein neuer Beleg nicht dazu passt, adaptieren wir unsere Theorie, damit sie wieder passt, oder erklären diesen Beleg für ungültig. Dieses Phänomen tritt – wie man sich vorstellen kann – nicht nur im wissenschaftlichen Arbeiten auf, sondern steht einer unbefangenen Wirklichkeitsbetrachtung auch im Alltag im Weg.

Und hier kommen wir zum anderen Teil unseres Kurses, der Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit. Und hierfür haben wir eben schon eine Methode festgehalten: die Falsifikation. Wir müssen unsere Überzeugungen auf den Prüfstand stellen, anstatt nur Belege zu suchen; und genau das muss auch in der Wissenschaft geschehen – durch Falsifizierbarkeit.

Lange bevor Karl Popper im 20. Jahrhundert die Methode der Falsifikation beschrieb, entstand aus den Ausarbeitungen von Wilhelm von Ockham ein anderes Kriterium zur Bewertung einer Theorie: Wenn ich für eine Gegebenheit zwei zutreffende Theorien habe, ist diejenige besser, die sparsamer mit Entitäten, die zur Aufstellung der Theorie notwendig sind, umgeht. Man setzt somit Ockhams Rasiermesser an und kürzt seine Theorie auf das Wesentliche.

In einem weiteren, noch bekannteren Versuch, konnte Peter Wason einen weiteren kognitiven Effekt demonstrieren. Bei der Wason Selection Task wird man vor folgende Aufgabe gestellt: Der Versuchsperson werden vier Karten vorgelegt. Sie soll durch Umdrehen (Auswählen) von Karten folgende Regel überprüfen: Wenn ein Vokal auf der Vorderseite zu sehen ist, dann ist eine gerade Zahl auf der Rückseite (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Wason Selection Task

Richtig wäre es, die Karten E und 7 umzudrehen. Dies lässt sich mit formaler Logik erklären. Mit dem Umdrehen der E-Karte verfährt man gemäß dem modus ponens: (A→B),A⇒B. Für die Regel muss daher geprüft werden, ob sich auf der anderen Seite der E-Karte tatsächlich eine gerade Zahl befindet. Eine ungerade Zahl würde die Regel falsifizieren. Das Umdrehen der 7-Karte verfährt gemäß dem modus tollens: (A→B),¬B⇒¬A. Da 7 keine gerade Zahl ist, darf sich auf ihrer Kartenrückseite kein Vokal befinden. Ein Vokal hinter der 7 würde die Regel falsifizieren. Typischerweise wählen Versuchspersonen dagegen häufig E und 4, obwohl es für die Überprüfung der Regel irrelevant ist, was auf der Rückseite der 4-Karte ist.

Auch hier kann man die zuvor besprochene Verzerrung feststellen, denn formale Logik tritt bei einer abstrakten Aufgabe zur Überprüfung einer Theorie häufiger hinter den Confirmation Bias (Versuch, die Regel durch Wahl der E-Karte zu bestätigen).

Nun kann man die Wason Selection Task verändern: Bei einer Aufgabe mit einem gesellschaftlichen bzw. alltäglichen Bezug (siehe Abb. 2) kommen die Versuchspersonen häufiger zum richtigen Ergebnis – und das schneller. Wichtig ist für diesen Effekt aber, dass die Regeln mit bekannten Beispielen im Alltag übereinstimmen müssen. Wenn also Cola-Konsum z.B. erst ab 18 erlaubt wäre, fallen wir zurück auf unser Verhalten im abstrakten Eingangsbeispiel.

Abb. 2: Wason Selecation Task mit lebensweltlicher Situation

Wir tun uns schwer mit abstraktem (logischem) Denken; durch Vertrautheit mit bestimmten Mustern können wir Abkürzungen nehmen. Diese Abkürzungen bringen uns manchmal zum richtigen Schluss. In den Fällen, in denen sie das nicht tun, unterliegen wir Urteilsfehlern.

Nun haben wir uns bereits mit menschlichem Denken und Verhalten befasst, aber nicht damit, wie wir dieses – wissenschaftlich – erfassen können. Aus diesem Grund nun die zuvor versprochene Einführung in die Psychologie:

Den Einstieg bildete die Betrachtung verschiedener optischer Täuschungen, die unsere Wahrnehmung durch ein Spiel mit Farben, Kontrasten und Bewegung als verzerrt zeigen.

Nach dem Bearbeiten von Beispielen dazu durch Präsentationen in Gruppen, konnten wir im Nachhinein reflektieren, in welcher Teildisziplin der Psychologie die Untersuchung dieser Phänomene zu verorten ist: In der kognitiven / allgemeinen Psychologie, die sich unterteilen lässt in

  • I. Lernen(im Sinne von Verhaltensänderung), Emotion, Motivation
  • II. Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Sprache

Das Feld der Psychologie umfasst im Allgemeinen:

  • Methodik
    • Statistik
    • Methodenlehre (Aufbau eines Versuchs)
    • Diagnostik (Klassifikation von Abweichungen)
    • Intervention
  • Grundlagen
    • Allgemeine Psychologie (s.o.)
    • Biologische Psychologie
    • Sozialpsychologie
    • Persönlichkeitspsychologie
    • Entwicklungspsychologie
  • Anwendung
    • Klinische Psychologie
    • ABO (Arbeits-, Betriebs-, und Organisationspsychologie)
    • Pädagogische Psychologie
    • Forensische Psychologie

Von diesem Ist-Zustand der Teilbereiche ausgehend haben wir versucht, eine Definition von Psychologie zu erarbeiten. In langen Diskussion haben wir besonders dazu gestritten, was Wissenschaft bedeutet und ob nun Denken, Verhalten, Erleben oder alles Kernbereich der Psychologie sind. 

Für die Weiterarbeit verwendeten wir folgende Definition: „Psychologie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Erleben und Verhalten (menschlicher) Individuen beschäftigt.” Es kann keine Musterlösung geben, wenngleich dies vieles unserer Herangehensweisen vereint.

Schreibe einen Kommentar

Du bist angemeldet als Benedikt Schächner. Dein Profil bearbeiten. Abmelden? Erforderliche Felder sind mit * markiert