Wer sich wissenschaftlich mit einer Frage auseinandersetzt, muss sich zunächst fragen, was Wissenschaft überhaupt ist.
Diese Frage lässt sich jedoch nicht eindeutig beantworten: Der Begriff des wissenschaftlichen Arbeitens ist nicht einheitlich definiert und wird in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich verstanden. Jede Disziplin setzt eigene Grenzen hinsichtlich ihres Gegenstandsbereichs und ihrer Methoden, und daraus ergeben sich auch unterschiedliche Auffassungen davon, wie Gegenstand und Methode zueinander in Beziehung stehen.
Vor diesem Hintergrund leitet die Frage, wie aus unzusammenhängenden oder unhinterfragten Beobachtungen und Meinungen belastbare Erkenntnisse entstehen können, zum wissenschaftlichen Arbeiten und zu wissenschaftlicher Methodik als Antwort hin.
Manche Disziplinen stehen dabei unter einem gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck, insbesondere dort, wo Ergebnisse nicht unmittelbar messbar oder quantifizierbar sind. Messbare Ergebnisse werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig eher als wissenschaftlich angesehen, während interpretierende Verfahren schnell als bloße Meinung und damit als unwissenschaftlich kritisiert werden. Diese Kritik bedeutet jedoch nicht, dass solche Verfahren an sich weniger wissenschaftlich wären; vielmehr beruhen sie auf einem anderen. Je nachdem, welcher Disziplin oder Tradition man folgt, werden bestimmte Formen der Deutung und Interpretation als Wissenschaft angesehen, andere nicht. Für die Geisteswissenschaften, in denen Deutung einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit bildet, ist genau diese öffentliche Geringschätzung interpretierender Verfahren problematisch.
Eine wichtige Grundlage vieler wissenschaftlicher Arbeiten ist deshalb die klare Trennung von Gegenstand und Methode und anschließend die transparente und systematische Anwendung einer passenden Methode. In den Geisteswissenschaften ist diese Trennung jedoch schwierig durchzuführen, da sich Gegenstand und Methode in gewisser Weise überschneiden.
Es muss also in jedem Fall bestimmt werden, was untersucht wird und auf welche Weise dies geschieht. Dadurch lässt sich der Untersuchungsbereich eingrenzen und vermeiden, dass eine Fragestellung unnötig ausgeweitet wird. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet dabei auch, den eigenen Bezugsbereich ehrlich und präzise anzugeben.
Gerade bei geisteswissenschaftlichen Fragestellungen können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen, ohne dass dies die Qualität der Forschung mindert. Die oft als unabgeschlossen wahrgenommenen Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Arbeit führen nicht zu einem endgültigen oder allgemeingültigen Ergebnis, sondern stellen einen von mehreren möglichen Interpretationsansätzen zu einem Untersuchungsaspekt dar. Eine komplexe Fragestellung kann vielmehr zu einer begründeten und nachvollziehbaren Interpretation führen. Das bedeutet auch, dass eigener Einfluss, etwa durch persönliche Erfahrungen, nicht grundsätzlich im Gegensatz zu wissenschaftlicher Arbeit steht. In den Geisteswissenschaften ist er insofern relevant, weil Wahrnehmung und Interpretation Teil des Untersuchungsprozesses sind und damit auch den Gegenstand der Untersuchung erst hervorbringen können: Ein Missverständnis etwa wird erst dadurch zum Gegenstand der Forschung, dass in bestimmter Weise danach gefragt wird.
Unter diesem Aspekt geisteswissenschaftlicher Arbeit lässt sich auch das Phänomen des Missverständnisses betrachten, das Hauptthema des Kurses 1.4.
Missverständnisse können durch unterschiedliche Wahrnehmungen und Deutungen entstehen. Mimik, Gestik, Erwartungen, fehlende Kommunikation, äußeres Auftreten oder der Ruf einer Person stellen dabei mögliche Einflussfaktoren dar. Solche Begriffe sind zunächst nur abstrakt, ermöglichen aber, Beobachtungen zu ordnen und zu kategorisieren. Erst durch eine genauere Untersuchung lässt sich feststellen, welche Bedeutung sie jeweils für das Entstehen eines Missverständnisses haben. Aus vielen unterschiedlichen Situationen lassen sich wiederkehrende Begriffe und Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Dadurch werden aus einzelnen Erfahrungen strukturierbare, kategorisierbare Beobachtungen. Das Sortieren stellt somit einen ersten Schritt dar, um ein alltägliches und chaotisches Phänomen geordnet zu betrachten und daraus mögliche wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln.