Wie kann man eine Handlung mit Hilfe ethnologischer Methoden richtig verstehen und Missverständnisse vermeiden?


Im Rahmen des Kurses „So war das nicht gemeint“ stellte sich die Frage, wie menschliche Handlungen und Vorgänge angemessen verstanden werden können und wie sich insbesondere interkulturelle Missverständnisse vermeiden lassen. Einen wichtigen Zugang hierzu bietet Clifford Geertz mit seinem Werk „The Interpretation of Cultures“. Darin entwickelt er einen interpretativen Ansatz der Anthropologie, der darauf abzielt, Handlungen nicht lediglich zu beobachten, sondern ihre jeweilige Bedeutung innerhalb eines kulturellen Zusammenhangs zu erschließen. Ein wesentliches Ziel der Anthropologie besteht für Geertz darin, menschliche Begegnungsräume zu erweitern und damit die Basis für ein gegenseitiges Verständnis des menschlichen Austauschs zu erweitern. Er formuliert dieses Ziel so:

„the aim of antropology is the enlargement of human discourse. “[1]

Wer eine andere Kultur verstehen möchte, kann sich daher nicht darauf beschränken, einzelne Verhaltensweisen von außen zu betrachten. Vielmehr muss versucht werden, nachzuvollziehen, welche Bedeutung eine Handlung für die Menschen besitzt, die innerhalb des jeweiligen kulturellen Zusammenhangs handeln. Dabei bestehe bereits eine grundlegende Schwierigkeit darin, dass Kulturen keine eindeutig voneinander abgegrenzten Einheiten darstellen. Kulturkreise gehen ineinander über, überschneiden sich und beeinflussen sich gegenseitig. Zugleich besteht Kultur aus einer Vielzahl komplexer und miteinander verbundener Bedeutungsstrukturen. Diese sind nicht immer ausdrücklich formuliert, sondern bleiben zu einem gewissen Grad implizit. In Anlehnung an Hartmut Rosas Resonanztheorie könnte hier von einer gewissen „Unverfügbarkeit“ gesprochen werden. So lässt sich Kultur nicht wie ein feststehendes Zeichensystem vollständig und eindeutig entziffern. Daraus dürfe laut Geertz jedoch nicht im Sinne einer „idealist fallacy“ der Schluss gezogen werden, dass die Kultur aufgrund dieser Implizitheit keiner genaueren Analyse würdig ist, nur weil diese nie vollumfänglich sein kann.  Die Athropologie erhebt grundsätzlich nicht den Anspruch, Kultur in ihrer Gesamtheit greifen zu können. Vielmehr muss versucht werden, einzelne Handlungen und Vorgänge zu analysieren, zu interpretieren und in die jeweiligen Bedeutungszusammenhänge einzuordnen. Er beschreibt Kultur als: „multiplicy of complex stuctures […] which are at once strange, irregular, and inexplicit, and which [the ethnographer] must contrive somehow first to grasp and then to render.“[2]

An diesem Punkt setzt Geertz mit der Unterscheidung zwischen „dünner“ und „dichter Beschreibung“ an. Eine dünne Beschreibung erfasse zunächst lediglich das äußerlich beobachtbare Geschehen. Sie beschreibt also, was geschieht, kann isoliert jedoch noch nicht erklären, was dieses Geschehen bedeutet. Damit lässt sich der „import“ einer Handlung, also ihre Bedeutung, Absicht und Wirkung, noch nicht erfassen. Geertz wendet sich deshalb gegen eine rein behavioristische Betrachtungsweise, bei der menschliches Verhalten ausschließlich anhand äußerlich beobachtbarer Vorgänge erklärt wird.

Um eine Handlung tatsächlich verstehen zu können, muss die dünne Beschreibung deshalb um ihren jeweiligen Kontext erweitert werden. Dazu müssen Hintergrundwissen und kulturelle Bedeutungszusammenhänge berücksichtigt sowie mögliche Implikaturen erkannt und interpretiert werden. Auf diese Weise entsteht die dichte Beschreibung. Diese ist nötig, um eine Handlung oder einen Vorgang richtig einzuordnen, da dieselbe äußerlich beobachtbare Handlung je nach kulturellem und situativem Zusammenhang vollkommen Unterschiedliches bedeuten kann.

Gerade hierin liegt daher ein entscheidender Ansatz zur Vermeidung von Missverständnissen. So reicht es nicht aus, wahrzunehmen, was jemand tut. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung die Handlung innerhalb der jeweiligen Situation besitzt und wie sie von den beteiligten Personen verstanden wird. Eine solche Interpretation kann allerdings niemals als endgültig abgeschlossen gelten. Da weder eine Handlung noch ihr kultureller Kontext vollständig und eindeutig begrenzt werden können, bleibt auch die dichte Beschreibung grundsätzlich offen für weitere Deutungen und zusätzliche Informationen. Verstehen ist damit kein einmaliger Vorgang, sondern ein fortlaufender Annäherungsprozess.Dies hat auch Auswirkungen auf die Rolle des Anthropologen. Ziel ethnologischer Forschung ist es weder, selbst „einer von ihnen“ zu werden, noch die untersuchte Kultur nachzuahmen. Stattdessen geht es darum, mit anderen Menschen und Kulturen in Austausch zu treten; Geertz bezeichnet dies als „to converse“.[3] Gleichzeitig muss sich der Forschende bewusst sein, dass er durch seine Anwesenheit selbst Teil der untersuchten sozialen Situation wird. Um kulturelle Bedeutungen erfassen zu können, benötigt er daher ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz. Einerseits muss er ausreichend ins Geschehen eingebunden sein, um Zusammenhänge verstehen zu können, andererseits genügend Abstand bewahren, um die Situation möglichst wenig zu beeinflussen. Diese Balance zwischen Teilnahme und Beobachtung ist eine wesentliche Voraussetzung für Einordnung, Verstehen und spätere Interpretation.

Gerade im Austausch zwischen Menschen wird Kultur schließlich öffentlich sichtbar. Sie zeigt sich im Handeln und wird dadurch zugleich immer wieder neu hervorgebracht. Missverständnisse entstehen deshalb häufig nicht durch die beobachtete Handlung selbst, sondern dadurch, dass derselben Handlung unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. Ethnologische Methoden können helfen, vorschnelle oder einseitige Deutungen zu vermeiden. Eine Handlung richtig zu verstehen, bedeutet demnach, sie nicht isoliert zu betrachten, sondern ihren kulturellen, sozialen und situativen Kontext möglichst umfassend zu berücksichtigen. Geertz’ dichte Beschreibung erhebt damit keinen Anspruch auf Endgültigkeit; dafür ist Kultur ein zu dynamisches und wandelbares Phänomen. Sie ermöglicht jedoch ein differenzierteres Verständnis, das die Grundlage für gegenseitigen Austausch und einen gelingenden interkulturellen Dialog bildet.


[1] Clifford Geertz, “Thick Description: Toward an Interpretive Theory of Cultures“ [Auszug], in: The Interpretation of Cultures, New York, NY: Basic, 1973, S.14

[2] Ebd, S.10.

[3] Ebd, S.13.

Schreibe einen Kommentar

Du bist angemeldet als Benedikt Schächner. Dein Profil bearbeiten. Abmelden? Erforderliche Felder sind mit * markiert