Um Missverständnisse genauer untersuchen zu können, lohnt es sich, sich ebenfalls mit der Hermeneutik zu beschäftigen – so wird die wissenschaftliche Lehre und Kunst der Auslegung und des darauf aufbauenden Verstehens von Texten oder sprachlichen Zeichen genannt. Die Frage nach einer guten Interpretation hat eine lange Tradition und interessierte auch den Theologen Friedrich Schleiermacher, der unter anderem als Bibelübersetzer tätig war. Seine Gedanken dazu finden sich systematisch erschlossen in seiner Schrift „Hermeneutik und Kritik“ (1877), mit der sich im Folgenden befasst werden soll.
Für Schleiermacher zählen beim Auslegen eines Textes zunächst zwei Ebenen, nämlich das Beherrschen der Sprache auf rein grammatischer Ebene und die Menschenkenntnis, die helfen könne, den/die Autor*in zu verstehen.[1] Beide Herangehensweisen lassen sich erneut unterteilen. Das „extensive Sprachtalent“[2] umfasse die Erkennung von äußeren sprachlichen Differenzen. Das „intensive Sprachtalent“[3] hingegen fokussiere sich auf die interpretatorische Tiefe eines einzelnen Textes. Analog gilt dies für die Menschenkenntnis: Man könne auch Personen (und somit auch den/die Autor*in) verstehen, indem man sie entweder „extensiv“[4] mithilfe externer Faktoren untereinander vergleicht oder aber „intensiv“[5] durch die individuelle Tiefe der Eigentümlichkeit den Einzelnen erschließt.
All diese Ansätze sind als Fertigkeiten zu verstehen, die allen Menschen zumindest in gewissem Maße angeboren sind, aber trotzdem stets ein unerreichbares Ideal darstellen.[6] Dadurch wird auch vollständiges und richtiges Verstehen stets eine Idealvorstellung bleiben.
Um dieser aber möglichst nahe zu kommen, formuliert Schleiermacher daraufhin weitere Dimensionen der Herangehensweisen an unbekannte Texte. Zunächst einmal müsse man sich bewusst machen, welchen Anspruch ein Text verfolgt, um herausfinden, welches Ausmaß er an Interpretation ermöglicht und gleichzeitig erfordert.[7] Es gebe nämlich auch Texte, die einen „Nullwert“[8] haben, weil sie für uns als Menschen weder praktische Bedeutung besitzen noch etwas auf sprachlicher Ebene beitragen. Auf der anderen Seite stehen drei Maxima: das „Klassische“[9] besitzt dieses Maximum auf sprachlicher Seite, das „Originelle“[10] überzeugt mit seiner Eigentümlichkeit und das „Genialische“[11] verbindet beides. Abhängig von der Textgattung sei es auch entscheidend für die Interpretation, daraus Rückschlüsse für die richtige Balance zwischen dem sprachlichen und dem psychologisch-menschlichen Auslegen zu finden.[12] So dürfe/müsse man bei z. B. Bedienungsanleitungen nicht übermäßig den/die Autor*in an sich interpretieren, während bei Liebesbriefen die subjektive Gefühlswelt des/der Autor*in verloren gehen könnte, wenn man sich auf die rein sprachliche Ebene versteift.[13]
Um einen neuen Text bestmöglich zu verstehen, der eventuell sogar in einer Fremdsprache und zu einer anderen Zeit verfasst worden ist, sollte man deshalb auch möglichst versuchen, allen sprachlichen sowie zeitlich-historischen Differenzen seitens der Interpreten zur Entstehungssituation durch entsprechende Sprach- und Geschichtskenntnisse entgegenzuwirken, um für die Auslegung in einer ähnlichen Position zu sein.[14]
Da dies allerdings nicht vom Prozess der Auslegung selbst zu trennen ist[15] und immer neue Erkenntnisse hervorbringt, versteht man z. B. den historischen Kontext auch erst richtig, wenn man den zu interpretierenden Text mit einbezieht. Andersherum gilt für den Text: Man bezieht den Kontext auf den Text, um ihn besser zu verstehen. Denkt man diesen Punkt weiter, stellt man fest, dass es nie einen richtigen Endpunkt der Auslegung geben kann, weil man mit jedem Lesen auch wieder neue Erkenntnisse gewinnt. In diese unendliche Zirkelhaftigkeit spielt auch mit hinein, dass das Allgemeine bzw. das Ganze für einen bestimmten Textteil wichtig scheint.[16] Gleichzeitig gilt es auch andersherum, denn um das Allgemeine zu verstehen, muss man auch die einzelnen Teile verstanden haben.
All dies führt dazu, dass Schleiermacher selbst der Auffassung ist, dass Missverständnisse vielmehr die Regel als die Ausnahme bilden. Dadurch müsse man sich bewusst um Verständnis bemühen und folgende Ursachen für Fehldeutungen vermeiden:
- Objektiv-qualitatives Missverstehen: Verwechslung auf rein sprachlicher Ebene, in dem man z. B. die Wortbedeutung zweier Wörter vertauscht[17]
- Subjektiv-qualitatives Missverstehen: Verwechslung von Beziehungen auf der sprachlichen Ebene, weil man in einem anderen Kontext als der/die Autor*in steht und z. B. im eigenen Kreis eine andere Bedeutung für das Wort verwendet wird[18]
- Objektiv-quantitatives Missverstehen: Unter-/Überschätzung der Rolle, die ein Teil der Äußerung in dem Auszulegenden einnimmt, weil man es sprachlich nicht richtig einordnet, z. B. den Superlativ[19]
- Subjektiv-quantitatives Missverständnis: Unter-/Überschätzung der Rolle bzw. des Werts, die ein Teil des Geschriebenen bedeutet, weil man dessen Wichtigkeit für den Autor verkennt[20]
Zugleich sei es – positiv formuliert – wichtig, folgende Einschätzungen korrekt zu treffen, um im besten Fall die Rede besser zu verstehen als ihr Urheber:
- Objektiv-geschichtlich: Einsehen, wie sich der Text in der Gesamtheit der Sprache (bis dato) einordnen lässt[21]
- Objektiv-divinatorisch: Erahnen, wie sich der Text selbst auf zukünftige Sprache auswirkt[22]
- Subjektiv-geschichtlich: Einsehen, inwiefern der Text das Gemüt des/der Autor*in wiedergibt[23]
- Subjektiv-divinatorisch: Erahnen, wie die Gedanken des Texts auch weiterhin auf den/die Autor*in einwirken werden[24]
Beachtet man diese Handlungshinweise kann man mit Schleiermacher darauf hoffen, die (impliziten) Botschaften eines Textes gemäß ihrer intendierten Bedeutung zu verstehen; schließlich können mehrere hermeneutische Auslegungen trotz der Unmöglichkeit einer vollständig korrekten Interpretation zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wenn der Text hinreichend klar und eindeutig formuliert ist. Selbst wenn der/die Autor*in dies nicht immer erreicht, lässt sich doch festhalten, dass das zirkelhafte Verstehen keinen Kreis, sondern eher eine Spirale formt. Bei erneuter Auseinandersetzung mit dem Text erlangt man stets neue Erkenntnisse, wodurch das Verständnis sich stets erweitert.
Gerade als Bibelübersetzer war es für Schleiermacher im Kontext der Exegese auch wichtig, darauf hoffen zu können, bestmöglich treffende Ergebnisse zu erreichen, die der/die Leser*in nach dem Auslegen wiederum praktisch anwenden kann. Damit ist gemeint, dass er z. B. darauf achten musste, keine eigenen Vorstellungen einzubringen, um das Originalverständnis der moralischen Bedeutung der zu übersetzenden Bibeltexte nicht zu beeinträchtigen. Diese Anwendung und Umsetzung in das echte Leben zählt wiederum als dritter Schritt der Auslegung nach dem Aufheben der Differenzen und dem Interpretieren an sich.
Seine Auffassung, dass Missverständnisse eher die Regel als die Ausnahme bilden, schafft Aufmerksamkeit und ruft zur Bescheidenheit auf, wodurch man Missverständnissen bzw. den Fehlinterpretationen präventiv entgegenwirken kann.
[1] Vgl.Friedrich Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik: Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers, hg. u. eingel. v. Manfred Frank, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977 [zunächst 1838], S. 81.
[2] Ebd. S. 82
[3] Ebd. S. 82
[4] Ebd. S. 82
[5] Ebd. S. 82
[6] Vgl. ebd. S. 81
[7] Vgl. ebd. S.
[8] Ebd. S. 82
[9] Ebd. S. 83
[10] Ebd. S. 83
[11] Ebd. S. 83
[12] Vgl. ebd. S. 83
[13] Vgl. ebd. 84
[14] Vgl. ebd. S. 91
[15] Vgl. ebd. S. 91
[16] Vgl. ebd. S. 95
[17] Vgl. ebd. S. 93
[18] Vgl. ebd. S. 93
[19] Vgl. ebd. S. 93
[20] Vgl. ebd. S. 93
[21] Vgl. ebd. 94
[22] Vgl. ebd. S. 94
[23] Vgl. ebd. S. 94
[24] Vgl. ebd. S. 94