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Ein Interview zwischen zwei Kursteilnehmenden

Claudius: Hi Leana, könntest du mir bitte kurz helfen, diesen Text von Koselleck zu verstehen?

Leana: Ja, klar. Schieß los!

Claudius: Reinhart Koselleck war ja ein bedeutender Historiker des 20. Jahrhunderts, der untersuchte, wie man über Geschichte sprechen kann. In seinem 1979 erschienenen Werk „Vergangene Zukunft – Zur Semantik verschiedener Zeiten“ beschäftigt er sich unter anderem mit der Begriffs- und Sozialgeschichte. Was ist das eigentlich?   

Claudius: Und wie hängen die beiden Disziplinen zusammen?

Leana: Die Begriffs- und Sozialgeschichte sind nicht vollständig voneinander trennbar und die eine lässt sich nicht auf die andere reduzieren. Sie stehen in ebenjenem „Spannungsverhältnis“[2] wie die Gesellschaft und ihre Begriffe, denn eine Gesellschaft ist nicht bloß eine homogene Sprachgemeinschaft; sie besteht aus mehreren Teilen, die einen fortwährenden Kampf um Benennungen führen. Ebenso können Individuen verschiedene Assoziationen mit denselben Begriffen haben. Ein aktuelles Beispiel hierzu wäre die Gender-Debatte.

Claudius: Könntest du das bitte auch anhand eines historischen Beispiels erklären?

Leana: Koselleck erklärt dies mit einer Aussage eines preußischen Staatsmanns, Hardenberg im Zeitraum nach der französischen Revolution. Hardenberg forderte darin, dass die alte, hierarchische Standesgesellschaft durch eine anhand ökonomischer Faktoren geordneten Klassengesellschaft ersetzt wird. So verwendet er erstmals den Begriff „Staatsbürger“. Heute ist uns dieses Wort völlig vertraut und Teil unserer Lebensnormalität. Doch damals war es ein Kampfbegriff, der sich gegen die Obrigkeit richtete und die Gleichheit aller innerhalb des Staates forderte. In diesem Beispiel gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen der heutigen und der damaligen Bedeutung des Begriffs „Staatsbürger“[3].

Claudius:  Was bedeutet das für unser Kursthema Missverständnisse?

Leana: Bei der Arbeit mit historischen Texten muss einem bewusst sein, dass die verwendeten Begriffe im Kontext der Entstehung anders aufgeladen waren. Grund dafür ist, dass Autor und Historiker in unterschiedlichen Zeiten leben und damit auch durch verschiedene Lebensrealitäten, Beziehungen und Perspektiven geprägt wurden. Deshalb verbinden sie mit denselben Begriffen Unterschiedliches. Aufgrund des Irrtums, dass dies nicht so sei, entstehen dann Missverständnisse.

Claudius: Wie lässt sich das auf unser Alltagsleben anwenden?

Leana: Missverständnisse können nicht nur bei der Deutung alter Texte aufkommen, sondern auch in alltäglichen Situationen. Ein Beispiel hierfür wäre, dass meine Großmutter bestimmte Begriffe anders aufnimmt als ich, da sie in einer anderen Zeit aufgewachsen ist. Dies lässt sich auch auf die vielen Subkulturen und Bubbles, unserer Gesellschaft ausweiten. Wenn diese davon ausgehen, dass sie mit den gleichen Begriffen das gleiche assoziieren, kommt es zum Missverständnis, da dem nicht so ist.

Claudius: Koselleck spricht auch vom „Erfahrungsgehalt“ und „Erwartungshorizont“. Was versteht er unter diesen Begriffen?

Leana: „Zunehmend wurden Zukunftsbegriffe geprägt, erst künftig zu erringende Positionen mussten sprachlich vorformuliert werden, um überhaupt bezogen oder errungen werden zu können. Der Erfahrungsgehalt vieler Begriffe wurde dadurch geringer, der darin enthaltene Anspruch auf Verwirklichung größer. Erfahrungsgehalt und Erwartungsraum kommen immer weniger zur Deckung.“[4]  Daraus folgt, dass die Differenz zwischen den beiden Begriffen in der Neuzeit immer weiter anwuchs und dass es nicht mehr garantiert ist, dass die Zukunft der Vergangenheit ähneln wird, da sich unsere Vorstellung der Zukunft immer stärker von dem Erfahrenen entfernt. Das ist eine von Kosellecks zentralen Thesen.

Claudius: Vielen Dank! Jetzt habe ich das Thema viel besser verstanden.

Leana: Sehr gerne.


[1] Reinhart Koselleck, „Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte“, in: Vergangene Zukunft. Zur Seman­tik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1979, S. 107.

[2] Ebd. S.108.

[3] Ebd. S.110.

[4] Ebd. S. 113.

Ein Kommentar zu „Interview – Ein Bezug zu Koselleck“
  1. Nach dem ersten Lesen von Koselleck verfolgte mich der Gedanke des Auseinanderdriftens von Erfahrungsgehalt und Erwartungshorizont und ich frage mich seither, ob ich diese Dynamik bereits in meiner eigene Lebenszeit beobachten kann.

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