Auf der der Deutschen SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026 beschäftigte sich der Kurs 1.4 in vielen Formen – wie Übungen, Anwendungen an Beispielen, szenischen Darstellungen oder der Untersuchung kleinster Wortbedeutungsunterschiede und anhand theoretischer Texte – mit Missverständnissen. Neben dem Diskutieren und Lesen über Missverständnisse geschahen den Teilnehmer*innen aber auch mehrere eigene Missverständnisse. Das im Folgenden beschriebe Missverständnis zeigt, dass auch der Missverständnis-Kurs – trotz intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema – nicht immun ist.

Das Missverständnis entstand aus zwei zunächst unabhängigen Situationen. Die eine davon war die Übernachtung einiger Teilnehmer*innen außerhalb ihrer WGs. Aus Angst, dafür bestraft zu werden, schrieb die Gruppe einen Zettel: „besondere KüA (Kursübergreifende Aktion) um 0:30 Uhr.“ Diesen wollten sie im Nachhinein am „Schwarzen Brett“, an welchem KüAs angemeldet wurden, aushängen. Zur selben Zeit traf sich auch der Kurs 1.3, um Kurs 1.4 einen kleinen Streich zu spielen. Die Teilnehmenden von 1.3 stapelten im Kursraum von 1.4 Stühle und Tische aufeinander, hinterließen Notizzettel mit provokanten Bemerkungen und stahlen das Kursmaskottchen „Waschbärndt Bärnadette Missbärständnis.“ Dabei versuchten sie, es so wirken zu lassen, als wäre Kurs 1.5 schuld am Streich, indem sie einige ihrer Notizzettel auf Englisch schrieben oder z. B. Nachrichten wie „Englisch ist sowieso besser“ hinterließen. Beim Frühstück am folgenden Morgen sah einer der Kursleiter von 1.4 zufällig den Zettel der Übernachtungs-Gruppe auf dem Tisch neben einem Teilnehmer aus Kurs 1.2 liegen. Als der Kurs 1.4 dann seinen Kursraum betrat, war er zuerst schockiert. Doch nachdem die Teilnehmer*innen und Kursleiter schnell aufgeräumt hatten, waren sie voller Energie und Reaktionslust. Der Kursleiter, der zuvor den Zettel gesehen hatte, dachte, es handele sich bei der „besonderen KüA“ um den Streich und verkündete seinem Kurs stolz, er wisse, wer der Täter war. Also zentrierte sich die Gegenreaktion auf den Teilnehmer aus 1.2, neben dem er den Zettel gesehen hatte. Erst später am Tag klärte sich das Missverständnis auf, als der Kurs seinen Kursleiter genauer nachfragte, was denn genau auf dem Zettel stand, und ein Teilnehmer, der davon Kenntnis hatte, die Umstände der Übernachtung daraufhin mit der Gruppe teilte.

Nun kann man sich damit auseinandersetzen, wie dieses Missverständnis entstand. Aufgrund der aus der Reaktionslust entstandenen Eile befasste sich der Kurs nicht allzu genau mit der Argumentation hinter der Beschuldigung. Der Kursleiter hatte den Zettel außerhalb des Kontextes gesehen und dann schnell eine Annahme getroffen. Diese Annahme interpretierten die Teilnehmer*innen des Kurses dann aber als Fakt statt als ebendiese.

Um diesen Umstand besser nachvollziehen zu können, können wir den Text „Logic and Conversation“ von Herbert Paul Grice anwenden, der zuvor im Kurs besprochen wurde[1]. In diesem stellt der Philosoph das von ihm sogenannte „Cooperative Principle“[2] vor, welches sich wiederum auf vier Maximen stütze. In dem beschriebenen Missverständnis wurden einige davon missachtet. So besagt eines der vier, von ihm bezeichnet als „Quantity[3]dass man nie zu viel oder zu wenig Informationen teilen solle. Diese Maxime missachteten sowohl der beschuldigte Teilnehmer als auch der ihn beschuldigende Kursleiter. Der Erstere gab nicht genügend Information auf dem Zettel, den er geschrieben hatte. Die Formulierung „besondere KüA“ war zu interpretationsoffen. Wohlgemerkt handelt es sich hier aber um eine absichtliche Missachtung, da der Teilnehmer seine tatsächlichen Aktivitäten nicht preisgeben wollte. Für die von ihm intendierten Leser missachtete er die Maxime nicht; aus Sicht des Kursleiters jedoch schon. In Bezug auf ihn hatte der Teilnehmer kein Interesse daran, kooperativ zu kommunizieren. Der Kursleiter hingegen missachtete diese Maxime, als er seinem Kurs nicht genau vermittelte, was auf dem Zettel stand und sie deshalb zu falschen Schlüssen kommen ließ.

Des Weiteren missachtete der Kursleiter auch die Maxime der „Quality“, zu welcher Grice erläutert: „Do not say that for which you lack adequate evidence.“[4] Der Zettel an sich lieferte keine hinreichenden Beweise, dass der Teilnehmer, der ihn geschrieben und bei sich getragen hatte, auch für den Streich zu verantworten war. Dennoch teilte der Kursleiter die Vermutung mit dem Kurs und ließ sie als sicheres Indiz stehen.

In der eiligen Situation geriet den Beteiligten die Befolgung der Maxime außer Sicht. Der Kurs bewahrte keinen klaren Kopf, sondern versuchte, schnellstmöglich zu handeln. Dies gelang ihm zwar, ging aber auf Kosten einer strukturierten Überlegung und Auswertung der vorliegenden Fakten, die eventuell zur Beschuldigung der wirklich verantwortlichen Personen geführt hätte. Der Kurs konnte seine Fehler aber erst im Nachhinein erkennen und reflektieren. Dadurch brachte dieses Missverständnis dem Kurs nicht nur eine Abwechslung im theoretischen Kursgeschehen und Freude an ein paar kleinen Späßen, sondern auch eine gute Chance, das Gelernte an einem praktischen, der Realität entsprungenen Beispiel anzuwenden und sich dadurch noch tiefgründiger damit auseinanderzusetzen.


[1] Vgl. Herbert Paul Grice, „Logic and Conversation“, in:  P. Cole, J. L. Morgan, Syntax and semantics 3: Speech Acts, New York 1975, S. 41–58, hier S. 41–50.

[2] Ebd. S.45

[3] Ebd. S.45

[4] End. S. 45-46

Ein Kommentar zu „Ein erlebtes Missverständnis“
  1. Mir hat dieses konkrete Beispiel nochmal einmal geholfen, Grice’s Theorie besser zu verstehen – sowie andersherum auch das Missverständnis, welches ich ja selbst miterlebt habe. Ich denke, es kommt im Alltag öfters vor, dass man aus unzureichenden Informationen Schlüsse zieht, die Fehl- oder Überinterpretationen sind. Nicht nur, weil die einzelnen Hinweise eine gewisse Interpretation möglich machen, sondern auch, weil man ja immer schon mit Vorerfahrungen oder Erwartungen in die Situation hineingeht. Ich kann mir vorstellen, dass es so überhaupt erst zu diese gewissen Interpretation (aus vielen möglichen) kommt – im vorliegenden Fallbeispiel war besagter Kursteilnehmer schon vorher durch das Planen von Aktivitäten aufgefallen, sodass man ihm zutraute, dass er auch den Streich hätte organisieren können.
    Persönlich nehme ich also aus dieser Beschäftigung mit, dass man nicht voreilig unzureichende Informationen zu einer ganzen Interpretation erweitern sollte, wenn einem dafür die Beweise fehlen und sich selbst stets hinterfragen, ob nicht auch Vorurteile / Erwartungen eine Rolle in seinem Gedankenprozess spielen.

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