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„Die abendländische Philosophie fällt mit der Enthüllung des Anderen zusammen; dabei verliert das Andere, das sich als Sein manifestiert, seine Andersheit. Von ihrem Beginn an ist die Philosophie vom Entsetzen vor dem Anderen, das Anderes bleibt, ergriffen, von einer unüberwindbaren Allergie.“ [1]

Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas stellt große Fragen in einer radikalen Sprache, wie das oben angeführte Zitat zeigt. Damit hinterfragt er die westliche Philosophietradition seit Descartes und praktisch die Gesamtheit der Ontologie. Er beobachtet dazu eine seit langem anhaltende Tendenz zur „Enthüllung des Anderen“ und fragt, wie es zu dieser Tendenz kommen kann.

Die angeführte „Enthüllung des Anderen“, in der „das Andere [] seine Andersheit verliert“ gehe auf den Wunsch zurück, Erfahrungen „in kategoriale Bestimmungen [zu] konvertieren“.[2] Mit anderen Worten: Durch Kategorisieren und Festlegen wird das Andere auf bestimmte Qualitäten reduziert. Die Aussage: Person A ist Musiker reduziert beispielsweise Person A auf eben jene Eigenschaft des Musikerseins. Dies kann schwerwiegende Folgen für das zwischenmenschliche Zusammenleben haben und Menschen einem Erwartungsdruck aussetzen. Personen werden in eine (vermeintlich) bekannte Kategorie gezwängt, was ihnen keinen Spielraum für andere Qualitäten und für die eigene Weiterentwicklung lässt. Beispielsweise würde Person A möglicherweise nur noch im Lichte des Musikerseins betrachtet werden, was sie dazu zwingen würde, dem Bild des Musikers zu entsprechen und ihr die Möglichkeit nähme, sich in anderen Bereichen zu entfalten.

„Die Philosophie ist vom Entsetzen vor dem Anderen ergriffen.“

Doch warum wollen sich Menschen trotz der Möglichkeit, sich zu irren, andauernd festlegen? Das fortlaufende Kategorisieren und Festlegen bieten uns Sicherheit, festen Boden unter den Füßen. Es versetzt uns in die Lage, mit unmöglichen Situationen umzugehen und diese vor allem nicht entstehen zu lassen, um die Illusion zu bewahren, Kontrolle über das Andere zu haben. Beispielsweise können wir festlegen: „Das ist ein Verbrechen“. Ohne diese Bestimmung wäre die Gesamtheit des Rechts und der Justiz unmöglich.

Aber die Welt ist komplexer als die Festlegungen, durch die wir sie einschränken. Wir unterschätzen die Unendlichkeit und die unbestimmte Fülle an Qualitäten, dass man selbst bei genauesten Beschreibungen, welche nichts anderes als Festlegungen darstellen, niemals das Andere ganz erschließen kann. Man erkennt: Hier ist nicht von denjenigen die Rede, die für das Andere keinen Sinn haben, sich ihm verschließen. Sie begnügen sich mit einer kleineren, kontrollierbaren Weltvorstellung, da sie gar nicht dazu kommen, die Unendlichkeit der Welt einzuschätzen. Aus Lévinas’ Perspektive könnte man nun vielleicht versuchen, etwas festzulegen, aber immer noch Möglichkeiten offen zu lassen. Beispiel:„Person A ist ein guter Tennisspieler, aber er könnte auch ein guter Koch sein.“ Doch auch der zweite Teil dieses Satzes schränkt ein.

Die Spannung zwischen dem Festlegen und dem Erhalten der Fülle des Anderen als Problem zu benennen, hat als Folge, die Spannung in irgendeiner Weise festzulegen. Bedeutet: Man komprimiert wieder bestimmte Qualitäten dieser Spannung.  Die genannte Festlegung vollzieht sich primär sprachlich, zumal in Wissenschaft und Philosophie, die auf das Definieren aus sind. Was also tun?

Bisher, also in der abendländischen Philosophiegeschichte, vor allem seit Descartes, ging unser Bewusstsein, unser Versuch des Verstehens des Anderen immer von unserem Ich aus, doch das Andere kommt auf einen zu, insofern man es lässt. Dies stellt einen radikalen Bruch mit der Tradition der westlichen Philosophie dar, welche stets versucht hat, das Bewusstsein des Ichs zum Anderen auszubreiten, um letztlich jedoch wieder zurück zum Ich zu kehren. Lévinas illustriert diese Neigung mit dem Beispiel Odysseus: „durch alle Abenteuer hindurch findet sich das Bewusstsein als es selbst wieder, es kehrt zu sich zurück wie Odysseus, der bei allen seinen Fahrten nur auf seine Geburtsinsel zugeht.“[3]

Einerseits stellt Lévinas’ Theorie also eine Ethik dar, da sie sich auch um die Frage dreht: „Wie lasse ich mich ansprechen von dir?“; was dazu führt, dass es auch um die Frage: „Wie lasse ich mich ansprechen von der Welt?“ geht. Lévinas will nicht mehr wissen, was die Welt ist, er prüft die Voraussetzungen dafür, dass mich die Welt anders anspricht, als ich das erwarte. Damit wird aus der Ontologie eine Ethik. Sowohl zwischenmenschliche Beziehungen als auch die Beziehung zwischen Menschen und Umwelt, beides Iterationen des Anderen, lassen sich demnach durch Lévinas Hilfe in einem neuen Licht betrachten.


[1] Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen: Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, übers., hrsg. u. eingel. v. Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg: Alber, 1983, S. 211

[2] Ebd. S. 215.

[3] Ebd. S. 211.

3 Kommentare zu „Das Andere auf sich zukommen lassen“
  1. Mich verblüfft, wie in einer Frage und ihrer Beantwortung (durch Levinas) so Unterschiedliches wie Erkenntnistheorie, Hermeneutik, Ontologie in eins fallen. So verschwimmen nicht nur die Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen.

  2. Levinas ist für mich die ganz große und brutal schöne Herausforderung an all das in der modernen Welt, mit dem ich hadere, und auch an mich, der ich in ihr befangen bin. Er stellt mir die Aufgabe, mich dafür zu öffnen, überstrahlt und all meiner Sicherheiten enthoben zu werden. Er erinnert mich daran, dass die mir begegnende Welt und das mich herausfordernde menschliche Anlitz mir mehr zu sagen haben als meine Kategorien und als die Feststellungen, die andere getroffen haben und deren Festigkeit immer etwas Einschränkendes und damit oft etwas Gewaltsames haben.

  3. Ich finde, dass ihr beide einen wirklich wunderbaren Text geschrieben habt, der nicht nur inhaltlich sehr stark ist, sondern auch sprachlich zugänglich bleibt. Für mich war Lévinas einer der schwierigsten Autoren im Reader, und ich habe großen Respekt davor, wie präzise ihr euch seinem Denken angenähert habt. Durch euren Text konnte ich seinen Gedankengang wesentlich besser nachvollziehen.
    Ein Punkt, der mich noch interessiert, ist wie sich Lévinas die Umsetzung seiner Überlegungen in der Realität vorstellt.
    Es ist ja, wie ihr schreibt, nahezu unmöglich, Menschen nicht zu kategorisieren; die Welt wäre dafür schlicht zu überwältigend. Geht es Lévinas also eher um ein Bewusstsein, eine Haltung, als um eine tatsächlich realisierbare Praxis?
    Großes Lob also nochmal! Ich glaube, dass Lévinas’ Einsichten gerade im aktuellen Diskurs eine wertvolle Perspektive bieten, um die Welt differenzierter zu betrachten.

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