Luna König & Mathis Krämer
Das Leib-Seele-Problem, im modernen Diskurs meist als Mind-Brain-Problem bezeichnet, ist kein Problem im alltäglichen Sinne einer schwer lösbaren Aufgabe, sondern ein begriffliches. Es entspringt der ontologischen Unterbestimmtheit empirischer Daten, die ihre eigene Deutung nicht mitliefern, und ist deshalb durch empirische Forschung grundsätzlich nicht aufzulösen. Zuspitzung erfährt es in einem Trilemma dreier je für sich plausibler Thesen: der Dualismusthese (mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene), der Wechselwirkungsthese (mentale Phänomene sind im Physischen kausal wirksam) und dem Prinzip des methodologischen Physikalismus (der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen).
Da nicht alle drei zugleich haltbar sind, bestimmt sich jede Position darüber, welche These sie verneint. Der interaktionistische Dualismus streicht die kausale Geschlossenheit, leidet aber am ungelösten modus operandi: Wo und wodurch soll eine immaterielle Einwirkung stattfinden? Der Physikalismus differenziert sich über die Supervenienz aus, also die Abhängigkeit des Mentalen vom Physischen – keine mentale Veränderung ohne physische. Der nichtreduktive Physikalismus nimmt dabei eine letztlich inkohärente Zwischenstellung ein, der reduktive scheitert an der Erklärungslücke zwischen neuronalen und phänomenalen Zuständen. Der Eliminativismus schließlich streicht die mentalen Entitäten selbst, was ein utopisches Programm bleibt und der Subjekterfahrung widerspricht. Als Ausweg bot sich ein Perspektiven- statt Substanzendualismus an, in Anlehnung an den Hylemorphismus, nach dem Gegenstände aus Materie und Form bestehen und die Form bei Lebewesen Seele heißt: Materie und Form sind nicht zwei Arten von Dingen, sondern zwei Betrachtungsweisen desselben.
Der Dualismus räumt ein, dass die Naturwissenschaften nicht alle Regungen des Menschen erklären können. Es bleibt ein Handlungsspielraum, der dem freien Willen unterliegt. Der Scientismus fordert nicht nur, dass sich menschliche Handlungen alleine durch physikalische Gesetzmäßigkeiten erklären lassen, sondern auch, dass dazu heutzutage bekannte Theorie ausreicht. Der Grund für menschliches Handeln wird nicht in der Kultur der Menschen gesucht, sondern den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, besonders der Evolution. Für diese Denkrichtung soll im folgenden am Beispiel des Textes (Geoffrey, 2000) erläutert werden. Daran anschließend werden anhand eines weiteren Beispiels die Grenzen der modernen Psychologie erläutert werden.
Scientismus
Der Sinn für Ästhetik sei ein Werkzeug zur sexuellen Partnerwahl. Die Fertigkeit, einen ästhetischen Gegenstand, das heißt Schmuck, herzustellen sei ein Indikator für die Überlebensfähigkeit des Künstlers. Das ließe sich untermauern mit der Beobachtung, dass die Kriterien für die Schönheit eines Gegenstandes mit denen für eine Aufwändige Herstellung zusammenfallen würden (Geoffrey, 2000, 318). Das ließe sich untermauern mit der Beobachtung, dass die Herstellung eines schönen Gegenstandes im Vergleich mit einem rein nützlichen Gegenstand Eigenschaften des Künstlers fordert, welche auch die Überlebensfähigkeit steigern. Genannte Beispiele sind Intelligenz, Kreativität, Energie und Ausdauer (Geoffry, 2000, 319). Bei diesen Folgerungen fällt auf, dass Kultur als formende Kraft für ästhetisches Bewusstsein nicht in Frage kommt. Die ästhetischen Vorlieben aller Menschen werden zurückgeführt auf Prozesse in der Evolution, deren einzige materielle Realisation heute in der Genetik liegt, also werden die ästhetischen Vorlieben eines Menschen auf seine Genetik zurückgeführt.
Neben dem Sinn für ästhetik habe auch die eloquente Sprache nur den Zweck, zur sexuellen Partnerwahl Angepasstheit zu signalisieren. So würden Jungen im Alter der frühen Jugend noch keine Eloquenz besitzen. Es würde eine einfachere, nur zur Informationsvermittlung nützende und dafür genügende Sprache verwendet werden, bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Jungen anfangen, ihre sexuelle Attraktivität zu steigern indem sie Angepasstheit signalisieren. Parallel zum Fall der ästhetischen Objekte seien die Eigenschaften, die ein Redner bräuchte, um eine hohe Sprachqualität hervorzubringen, die selben seien, die auch vererbbar sind und die Überlebenschancen der Nachfahren steigern (Geoffrey, 2000, 396).
Der Versuch, menschliche Handlungen wie die Rede oder die Partnerwahl auf die evolutionär bedingte Genetik zurückzuführen macht aus diesen Handlungen ein Verhalten. Der Scientismus im speziellen und der Naturalismus, der fordert, dass es Natürliches gibt, das in der heutigen Welt erkennbar ist, weil es im Gegensatz zu kulturellen Phänomenen, die letztendlich nur unmittelbare Ausdrücke der natürlichen Bedingung des Menschen, bestandsfähig ist, kann altruistische Regungen nicht erklären. Homosexualität lässt sich ebensowenig erklären wie die andauernde Entwicklung der Kultur. Speziell Frauen werden reduziert auf die Partnerwahl, wobei die ihnen zugesprochene Rolle das Auswählen des eloquentesten und angepasstesten Mann nicht übersteigt. Sind laut Scientismus die Regungen eines Menschen alleine durch seine Genetik bestimmt, so ist er ein Determinismus. Daher unterliegt er dem Problem des performativen Selbstwiederspruchs. Wie früher angemerkt handelt es sich dabei um den Sachverhalt, dass mit der Fähigkeit zu handeln die Fähigkeit zu behaupten wegfällt. Wer also den Scientismus behauptet, der behauptet gleichzeitig, er könne nicht behaupten.
Neuromythen
Ebenso aufschlussreich ist die Demontage populärer Neuromythen, vom Gehirnjogging bis zum Mozart-Effekt. Als Prüfstein diente der Fall Phineas Gage (1848): Entgegen der These, ein Trauma des präfrontalen Cortex zerstöre zwangsläufig den Charakter, arbeitete Gage später jahrelang zuverlässig als Kutscher, und ein spanischer Parallelfall verlief dank familiärer Auffangstrukturen unauffällig. Solche Mythen entstehen durch systemische Anreize: Pressestellen und Fördermittelgeber belohnen Zuspitzung, die Presse ist laut, die Fachwelt leise (Brain Overclaim Syndrome). Wenn Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth oder Wolf Singer aus neuronalen Daten globale Schlüsse ziehen, verlassen sie ihr Fachgebiet: Über Reiz und Reaktion lässt sich viel sagen, über Deutung und Verantwortung wenig.Zukünftig brisant wird das beim Frühscreening, das Menschen wegen einer Prognose die Autonomie entzieht – Phrenologie mit modernen Mitteln.
Wie störanfällig bereits das eigene Urteil ist, zeigen die Konformitätsexperimente von Solomon Asch (1951): Sobald eine eingeweihte Mehrheit geschlossen falsch urteilt, geben 37 Prozent der Einzelurteile nach, und 76 Prozent der Versuchspersonen schließen sich mindestens einmal an. Anreize für Richtigkeit senken die Nachgiebigkeit auf 25 Prozent, ein einziger Verbündeter erleichtert den Widerspruch drastisch. Es wirken der normative (Wunsch nach Zugehörigkeit) und der informationale soziale Einfluss (Annahme, die Gruppe sehe genauer). Unvernünftig ist dieses Nachgeben nicht, da wir Mitmenschen erfahrungsgemäß Urteilsvermögen unterstellen.
Das Asch-Experiment führt uns somit eindrücklich vor Augen, dass unsere Wahrnehmung keineswegs autonom agiert, sondern maßgeblich durch soziale Dynamiken und das Vertrauen in das Gruppenurteil geformt wird.
Allgemein:
Der eigentliche Darling – die Vorstellung, die Neurowissenschaft könne menschliches Verhalten vollumfänglich erklären – ist damit entzaubert. Womöglich war er es schon vorher.