Wie lassen sich Missverständnisse vor, während und nach ihrer Entstehung beeinflussen?



Der Kurs verfolgte unter anderem das Ziel, Einblicke in das Verhalten von Personen vor, während und nach dem Entstehen von Missverständnissen zu gewinnen. Die Missverständnisse wurden dabei so präzise wie möglich im Stil des Theaters nachgestellt.


Die Teilnehmer versammelten sich auf dem Schulhof und stellten sich als Testpersonen mehreren Herausforderungen, bei denen sie sich ohne Worte physisch in verschiedenen Kategorien anordnen sollten, etwa nach dem Alter. Ziel der einzelnen Testdurchläufe war es, ohne jede gesellschaftlich etablierte Form der Kommunikation zu einer gemeinsamen Lösung zu gelangen. Die Aufgaben wurden dabei zunehmend anspruchsvoller: Zu Beginn sollte sich die Gruppe der Größe nach aufstellen, anschließend nach dem Geburtsjahr, und in der letzten Aufgabe entsprechend dem Geburtsort. Während bei den ersten beiden Aufgaben eine einfache Reihe gebildet wurde, entstand bei der letzten Aufgabe aus den Teilnehmenden eine Art Deutschlandkarte.


Daraus ließ sich ableiten, dass Missverständnisse besonders dann entstehen, wenn verbale Kommunikation ausgeschlossen ist und Beteiligte zu schnell zu einem Ergebnis gelangen möchten, ohne die gewählte Lösung noch einmal zu hinterfragen. Besonders herausfordernd war es, sich ohne gesprochene Sprache oder allgemein bekannte Zeichen auf ein gemeinsames Konzept zur Veranschaulichung zu einigen. Bei der Einordnung nach Geburtstag etwa waren sich die Teilnehmenden zunächst uneinig, ob links Januar oder Dezember stehen sollte; bei der Deutschlandkarte musste zunächst geklärt werden, wo Norden, Süden, Osten und Westen liegen sollten. Da unterschiedliche strukturelle Lösungsansätze aufeinandertrafen, beanspruchte die Einigung auf eine gemeinsam akzeptierte Ordnung zusätzliche Zeit.


Einen weiteren aufschlussreichen Versuch stellte ein Rollenspiel dar. Die Teilnehmenden hatten im bisherigen Kursverlauf konkrete Missverständnisse gesammelt und gemeinsam analysiert. Ziel war es nun, selbst erdachte oder erlebte Missverständnisse aus dem Alltag möglichst originalgetreu zu rekonstruieren und anschließend so einzugreifen, dass sie gar nicht erst entstehen. Ein besonders anschauliches Beispiel war ein Restaurantbesuch in Frankreich: Die dargestellten Gäste begrüßten das Personal beim Eintreten auf Französisch mit „Bonjour”, woraufhin die Bedienung annahm, die Gäste seien französischsprachig, und ihrerseits auf Französisch antwortete. Dies erwies sich als Missverständnis, da die Gäste zwar den Gruß beherrschten, jedoch nicht weiter auf Französisch kommunizieren konnten. Nachdem die Gruppe diese Szene vorgeführt hatte, griffen die Zuschauer beim erneuten Durchspielen aktiv ein, um die Situation so zu verändern, dass das Missverständnis gar nicht erst entstand. Daran zeigte sich, dass sich Situationen im Nachhinein deutlich leichter analysieren lassen, und es wurde ersichtlich, wie sich Missverständnisse beheben lassen. Die Beeinflussung solcher Missverständnisse in der jeweiligen Situation selbst erwies sich hingegen als deutlich schwieriger, da viele Missverständnisse spontan entstehen und sich kaum vorhersagen lassen. Da an verschiedenen Stellen eingegriffen werden kann, wurde deutlich, dass der genaue Beginn eines Missverständnisses oft nicht eindeutig zu bestimmen ist.


Ein weiterer Untersuchungsschritt bestand darin, zu analysieren, wie sich eine Situation nicht nur vor oder während, sondern auch nach einem Missverständnis noch verändern lässt. Aufschlussreich war hier der Einblick in eine andere Gruppe, die ein Missverständnis zwischen Familienmitgliedern behandelte: Es kam zum Streit, weil eines der Kinder nicht das gewünschte Getränk erhielt. In diesem Beispiel ging es um Schlichtung. Daraus ließ sich ableiten, dass eine Situation nicht zwangsläufig nur von den unmittelbar Beteiligten eines Missverständnisses gelöst werden muss, sondern häufig auch davon abhängt, wie Außenstehende eingreifen, und wie lange ein Missverständnis dadurch anhält. Im Kurs wurde deutlich, dass eine dritte, unbeteiligte Instanz die Situation in einer Rolle ähnlich einem Gericht verändern und so zur Auflösung des Missverständnisses beitragen kann. Damit wurde erkennbar, dass eigenes Handeln zwar selbst gesteuert werden kann, jedoch stets auch durch andere beeinflusst wird. In Alltagssituationen ist zudem nicht immer eindeutig, wer Außenstehender und wer Beteiligter ist – ein Beteiligter kann durchaus auch die Rolle des Dritten übernehmen.


Eine weitere Erkenntnis ergab sich aus der zuletzt aufgeführten Szene, in der ein Vater mit Asperger-Syndrom die Gefühle seiner Tochter nicht nachvollziehen konnte. Als die Tochter nach einer schlechten Klausur schlecht gelaunt nach Hause kam, konnte ihr Vater ihr Verhalten emotional nicht einordnen; als sie daraufhin in ihr Zimmer ging, rief er ihr sogar hinterher, sie solle die Wäsche aufhängen. Dieses Beispiel verdeutlichte, dass Missverständnisse deutlich wahrscheinlicher werden, wenn eine Person die Gefühle einer anderen kaum oder gar nicht nachvollziehen kann. Der Vater konnte die Emotionen seiner Tochter nicht deuten, ärgerte sich jedoch, dass sie ihre Schulsachen nach der Heimkehr achtlos abgelegt hatte. Dies verdeutlicht, wie zentral das Verstehen und Deuten fremder Emotionen für zwischenmenschliches Verständnis ist – und wie sehr ihr Fehlen die Vermeidung von Missverständnissen erschwert.


Insgesamt zeigte sich, dass vieles davon abhängt, welche Erwartungen die Beteiligten aneinander haben, welche Absichten sie verfolgen und ob sie sich gegenseitig ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Die Bedürfnisse einer Person erwiesen sich als sehr individuell und besonders dann schwer zu erkennen, wenn man diese Person noch nicht lange genug kennt. Der Kurs vermittelte zudem einen Einblick, wie schnell im Alltag Entscheidungen getroffen werden müssen und wie selten die Zeit bleibt, ein Missverständnis so eindeutig zu identifizieren, wie es im Rahmen des Kurses möglich war. Auch bleibt es oft schwer zu erkennen, ob man einander tatsächlich gut versteht oder lediglich zu wenig expliziert. Dennoch zeigte sich als hilfreiche Erkenntnis, dass ein Missverständnis auch nach seiner Entstehung noch beeinflusst werden kann.

2 Kommentare zu „Wie lassen sich Missverständnisse vor, während und nach ihrer Entstehung beeinflussen?“
  1. Sehr schöner, ansprechend geschriebener Text! Vor allem der letzte Abschnitt des Beitrages sticht mir dabei besonders ins Auge, da man aus ihm viele Informationen gewinnen kann, die für den eigenen Alltag Relevanz gewinnen. Dazu finde ich ganz besonders die differenzierte Anschauung davon, dass im Entstehungsmoment von Missverständnissen meist die Zeit fehlt, um diese zu analysieren, spannend. Außerdem finde ich den Aspekt der dritten Instanz interessant, da dieser impliziert, dass man nur selten der Situation entsprechend sinnvoll handelt.
    Trotzdem freut es mich nun zu wissen, dass man auch nach einem Missverständnis noch Handlungsmöglichkeiten besitzt, um Missverständnisse egalisieren zu können.
    Zudem werde ich fortan sensibilisierter für Missverständnisse im Alltag sein und im besten Fall andere Sichtweisen auf verschiedenste Situationen einnehmen können.
    Dankeschön für diesen Beitrag!

  2. Das Ergebnis dieses Textes zeigt, dass Erwartungen, Absicht und die Aufmerksamkeit gegenüber der/dem/den anderen Beteiligten das Entstehen von Missverständnissen erleichtern bzw. erschweren kann. Daraus kann ich für mich mitnehmen, dass es für die Vermeidung von Missverständnissen und ggf. damit einhergehenden Streit sinnvoll ist, sich mehr mit der/dem gegenüber zu beschäftigen und die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Zudem sollte man versuchen, offen an Kommunikation heranzugehen und nicht immer in einer vereinfachten Schubladenversion der Welt zu denken.
    Das ist aber auch nicht immer möglich, wenn man physisch oder psychisch gerade nicht in der Lage dazu ist. Zusätzlich würde es viel zu viel Energie rauben, sich immer zu 100% auf die Kommunikation zu konzentrieren. Missverständnisse werden sowieso entstehen und müssen auch nicht immer schlecht sein (siehe Mauerfall). Wichtig ist, danach wieder die Kommunikation zu suchen, um die Missverständnisse aufzuklären und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

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