Im Kurs 1.4 „So war das nicht gemeint“ wurde anhand von Bernhard Waldenfels’ phänomenologischen Überlegungen in seinem Werk „Grenzen der Normalisierung“ untersucht, wie wir erfahren. Für Waldenfels ist Erfahrung keine objektive Aufnahme einer unveränderten Realität, sondern immer eine durch die jeweilige Wahrnehmung und Perspektive geprägte Erfahrung. Dabei begegnet uns jedes Objekt unter bestimmten Gesichtspunkten, die durch Situation, Ort, Zeit und bisherige Erfahrungen der jeweils wahrnehmenden Person geprägt sind. Derselbe Gegenstand kann daher für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen besitzen, die sich auch unter verschiedenen Gesichtspunkten einer einzelnen Person unterscheiden können. Ein Trikot beispielsweise ist ein Kleidungsstück, innerhalb einer Mannschaft kann es aber zugleich für Zugehörigkeit, Identität und gemeinsame Erlebnisse stehen. Der subjektive Stellenwert eines Gegenstandes ergibt sich somit aus der individuellen Erfahrung. Sowohl im Umgang mit Anderen als auch bei der Untersuchung von Missverständnissen bedeutet dies, dass wir die Bedeutung, die ein Gegenstand für eine andere Person besitzt, nicht aus unserer eigenen Perspektive ableiten dürfen.
Aus diesen von Situation, Ort, Zeit und bisherigen Erfahrungen geprägten unterschiedlichen Gesichtspunkten ergibt sich eine individuelle Wahrnehmung der Realität. Menschen nehmen nicht alle Aspekte einer Situation gleichermaßen wahr, sondern setzen aufgrund ihrer Erfahrungen unterschiedliche Schwerpunkte. Auch die Zuschreibung von Eigenschaften erfolgt nicht vollkommen neutral, da wir bestimmte Merkmale einer Person oder Situation stärker hervorheben als andere. Bestimmte Merkmale werden häufig unbewusst stärker gewichtet als andere. Wenn jemand beispielsweise sagt „Du bist mir fremd“, beschreibt er damit nicht eine objektive Eigenschaft, die dem Gegenüber zugeschrieben werden kann, sondern zunächst nur die eigene Weise, diese Person zu erfahren. Die Phänomenologie richtet den Blick also darauf, wie etwas erfahren wird. Für Missverständnisse ist dies entscheidend, da subjektive Erfahrungen leicht als objektive Tatsachen missverstanden werden können.
Jeder Mensch besitzt außerdem einen individuellen Erwartungshorizont, der durch seine Erfahrungen geprägt ist. Indem wir bestimmte Aspekte hervorheben, mitunter ohne uns dessen bewusst zu sein, und andere ausblenden, grenzen wir unsere Wahrnehmung ein. Die Erfahrungshorizonte verschiedener Menschen können sich überschneiden, aber auch deutlich voneinander abweichen. Dadurch können dieselben Gegenstände oder Situationen unterschiedlich interpretiert werden. Dabei lassen sich der praktische Nutzen und die symbolische Bedeutung eines Gegenstandes nicht eindeutig trennen, sondern werden innerhalb des jeweiligen Erfahrungshorizonts unterschiedlich gewichtet und können sich je nach Situation und Perspektive unter verschiedenen Gesichtspunkten verändern. Waldenfels fordert daraus keine konkrete moralische Handlungspflicht, sondern zunächst das Bewusstsein dafür, wie und was wir erfahren. Für Missverständnisse bedeutet dieses Bewusstsein, dass die eigene Perspektive nicht automatisch als allgemeingültig angesehen und der Erfahrungshorizont des Gegenübers nicht vorschnell falsch eingeschätzt wird.
Verleugnete Erfahrung
Im Abschnitt „Verleugnete Erfahrungen“ aus „Grenzen der Normalisierung“ kritisiert Waldenfels verschiedene Versuche, Erfahrung durch feste Kategorien oder Modelle zu vereinfachen. Er wendet sich unter anderem gegen Formalismus, Konstruktivismus und Empirismus. Besonders nachdrücklich ist dabei seine Kritik am Empirismus, da dieser den Unterschied zwischen dem „Wie“ und dem „Was“ der Erfahrung einebnen könne. Am von ihm so bezeichneten „Modellismus“, bemängelt er, dass dieser vor allem zu sehr auf das Modell als solches fokussiere; dieser beschreibe eine Position, die das „Wie“ vom konkreten „Was“ löst und nach dem pragmatischen „Wozu“ fragt. Seine Sorge besteht darin, dass theoretische Modelle die konkrete Erfahrung überlagern. Für Missverständnisse folgt daraus, dass kein allgemeines Schema die individuelle Erfahrung eines Menschen vollständig erklären kann.
Leiblichkeit und Vergangenheit
Erfahrung ist bei Waldenfels zudem immer leiblich. Der Mensch erfährt die Welt nicht ausschließlich geistig, sondern stets auch über seinen Körper. Fremdheit kann sich beispielsweise nicht nur als Gedanke, sondern auch als körperliche Irritation oder Unbehagen zeigen. Gleichzeitig blickt jede gegenwärtige Erfahrung gewissermaßen in die Vergangenheit, da frühere Erfahrungen beeinflussen, wie etwas gegenwärtig erscheint. Aus der Wahrnehmung entstehen Erwartungen und schließlich Handlungsstränge, die den weiteren Verlauf einer Situation beeinflussen können.
Für die zentrale Kursfrage „Was sind Missverständnisse?“ zeigt Waldenfels damit: Missverständnisse entstehen nicht lediglich durch falsch verstandene Äußerungen. Sie können daraus hervorgehen, dass Menschen dieselbe Situation aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten, Gesichtspunkten und leiblichen Voraussetzungen heraus erfahren. Wer sich dieser Perspektive bewusst ist, kann die eigene Wahrnehmung stärker von der des Gegenübers unterscheiden und dadurch mögliche Missverständnisse besser erkennen.
Waldenfels war für mich während der Kursarbeit einer derjenigen Philosophen, deren Methode man trotz der Komplexität leichter nachzuvollziehen konnte. Denn es spiegelt den Gedanken wieder, den man oft im Alltag pflegt: wir Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen. Dieser Beitrag hat die Komplexität von Waldenfels Gedankenweg auf den Punkt gebracht. Eine Frage, die sich mir beim Lesen stellt ist, wenn wir alle dauernd aus unterschiedlichen Gesichtspunkten erfahren und immer ein persönlicher Kontext die Erfahrung beeinflusst, ist nicht jede unsere Erfahrung des Anderen in gewisser Weise ein Missverständnis?