„Wer bist du?“

Das ist eine Frage, die uns oft im Leben begegnet und die zunächst simpel wirkt. Jedoch können auf ihrer Grundlage Interessen, Stärken, äußerliche Merkmale, soziale Rollen, Orte, prägende Erlebnisse und mehr beschrieben werden. Jeder Mensch hat unbegrenzt viele Möglichkeiten, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. 

Judith Butler stellt in ihrem Buch „Giving an Account of Oneself“ aus dem Jahr 2005 auf den Seiten 36-40 fundamentale Fragen zur individuellen Identität. Der Titel des Werks wurde in der deutschen Ausgabe mit „Kritik der ethischen Gewalt“ übersetzt, wobei eine wörtliche Übertragung ins Deutsche auch „Rechenschaft über sich selbst“ sein könnte. 

Rechenschaft können Menschen nie ganz ablegen. Denn niemand vermag innerhalb der Zeit eines Austausches über die eigene Identität, der sowohl von einer Person selbst oder von anderen angestoßen werden kann, die gesamte Lebenszeit abzubilden. Anknüpfend an Foucault formuliert Butler sogar noch deutlicher: 

„My words are taken away as I give them, interrupted by the time of a discourse that is not the same as the time of my life.“[1]

Schon bevor ich eine Beschreibung meiner selbst ausformuliere, sind die Worte, die mir dafür zur Verfügung stehen, unklar. Denn Menschen sind nie nur sie selbst, sondern immer auch ein Teil einer Gesellschaft mit Normen, Institutionen und Sprache. Hierbei ist die Sprache besonders hervorzuheben. Jedes Mal, wenn ich eine Rechenschaft über die eigene Identität ablege, hängt diese im Wesentlichen von meiner Ausdrucksfähigkeit ab. Die Sprache muss versuchen, die scheinbar eigenen Werte wiederzugeben, wobei diese maßgeblich von einer „sociality that exceeds me“[2] beeinflusst sind. 

Menschen sind laut Butler nicht in der Lage, alle „exposures“[3], also Offenbarungen oder auch Erschließbarkeiten, zu benennen. Darüber hinaus muss jedes Mal, wenn eine Rechenschaft abgelegt wird, diese an einen konkreten oder abstrakten, äußeren oder inneren Adressaten gerichtet sein, der wiederum im Rahmen einer „exposure “, also einer bestimmten Situation, handelt und so die Struktur der Rechenschaftsablage wesentlich beeinflusst. Man ist also schon während dem Austausch mit einem Gegenüber den Normen des Adressaten ausgesetzt. Butler stellt fest: „I will […] have to make myself substitutable in order to make myself recognizable”[4]. Menschen sind auf die verdeckten, für den einzelnen Menschen undurchsichtigen Strukturen der Gesellschaft angewiesen. Ohne Sprachen wäre kein Austausch möglich. Doch gleichzeitig machen der Sprachgebrauch und die grundlegenden Normen das Rechenschaftsablegen austauschbar, indem wir Ausdrücke verwenden, die anders als unser eigenes Wesen geteilt werden und öffentlich zugänglich sind. 

Eine weitere Schwierigkeit ist die Bestimmung der einzelnen Einflüsse, die das individuelle Wesen eines Menschen geformt haben. Man kann zwar versuchen nachzuvollziehen, wo der eigene wann war, aber damit kann eine Person trotzdem nicht die gesamte Geschichte des ganzen Körpers, der auch durch Normen, Werte und viele andere äußerliche Einflüsse geformt ist, erzählen. In vielen Erinnerungen wird nur der Zustand des Geistes berücksichtigt und die Körperlichkeit außen vorgelassen. Butler fasst es mit den Worten zusammen: „To be a body is, in some sense, to be deprived of having full recollection of one’s life”[5]. Deshalb beinhaltet die erzählte Geschichte eines Individuums laut Butler, die an dieser Stelle Edward Keenan zitiert, immer eine „fabulous“ Komponente. Lacan drückt dasselbe Phänomen mit den Worten „fictional direction“ aus. Menschen können ihre eigene Geschichte in verschiedensten Weisen ausdrücken, und doch ist keine dieser Versuche, Rechenschaft über das eigene Wesen abzulegen, vollkommen wahr und realistisch.  Zudem fügt man jedes Mal, wenn man Rechenschaft über sich selbst ablegt, einen weiteren Baustein zu der eigenen Geschichte hinzu, über die man Rechenschaft ablegen soll:

„I am always recuperating, reconstructing, and I am left to fictionalize and fabulate origins I cannot know. In the making of the story, I create myself in new form, instituting a narrative ‘I’ that is superadded to the ‘I’ whose past life I seek to tell.[6]

 Erst im Nachhinein können Menschen Gesagtes oder Gedachtes reflektieren. Das bedeutet wiederum, dass sich Menschen, noch während sie Rechenschaft über sich selbst ablegen, weiterentwickeln und sogar neu formen können. Es entsteht ein Kreislauf der Selbstreflexion und -entwicklung, der bis zu einem gewissen Punkt mit dem hermeneutischen Zirkel vergleichbar ist.

Trotzdem scheint es möglich zu sein, dass wir Rechenschaft über uns selbst ablegen – immerhin tauschen sich Menschen tagtäglich aus und erzählen von sich selbst und ihrer eigenen Geschichte. Butler warnt aber davor, dass wir diese Fähigkeit überschätzen. Sie sagt kategorisch, dass ein Mensch letztlich die Erzählung seiner eigenen Geschichte ablegen kann, insbesondere mit Bezug auf den eigenen Ursprung, folglich auch nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. 

Insgesamt kann man die einleitende Frage, wer wir sind, laut Butler also nie vollständig beantworten. Dennoch ist es zumindest zu Teilen, beziehungsweise auf verschiedenen Wegen, möglich: „it may be that to have an origin means precisely to have several possible versions of the origin.“[7]  


[1] Judith Butler: Giving an Account of Oneself. New York, 2005, S. 36.

[2] Ebd., S. 36.

[3] Ebd., S.38.

[4] Ebd., S. 37.

[5] Ebd., S. 38.

[6] Ebd., S.39.

[7] Ebd., S.37.

5 Kommentare zu „Giving an Account of Oneself“
  1. Zwar war ich nicht im Kurs, als Butler besprochen wurde, jedoch scheint mir beim Lesen dieses Textes, dass es eine sehr spannende Stunde gewesen sein muss. Ich finde, Butler trifft hier tatsächlich einen sehr wunden Punkt in der Gesellschaft. Das Verstehen des Gegenübers, ohne ihn vollständig zu kennen, was genau genommen nur möglich wäre, wenn man das Leben des Gegenübers selbst gelebt hätte, ist eine unerreichte Kunst. Meiner Ansicht nach schafft Butler dies jedoch insofern trotzdem ein Stück weit, indem sie darüber aufklärt, welche Faktoren hier besonders ausschlaggebend sind. Allein das Bewusstsein für diese Umstände bringt meiner Ansicht nach schon eine ganze Menge.
    Dieser Text fasst das beeindruckend verständlich zusammen, was der Originaltext meiner Meinung nach nicht schafft!
    Meines Respekt und Dank für diese Inhaltliche Bereicherung!

  2. Dieses Dokument gefällt mir sehr gut. Ich mag die Mischung zwischen dem theoretischen Textverständnis und den sehr vielen relevanten Zitaten. Man merkt direkt, dass du trotz des schwierigen Textes und der Wortwahl von Butler, seine Position perfekt verstanden hast. Insbesondere das erste Zitat, welches hier verwendet wird, ist für mich das, was ich unter Butler verstehe und das, was Butler ausmacht. Ein wirklich sehr spannender und hervorragend zusammengefasster Text, Elisabeth!

  3. Ich finde den Gedanken sehr spannend, dass jemand anderes mich nie so gut verstehen wird, wie ich es manchmal gerne hätte. Es leuchtet mir ein, dass dafür notwendig wäre, dass mein Gegenüber einmal mein komplettes Leben gelebt haben müsste, um mich wirklich in der Tiefe zu verstehen. Manchmal ist es ziemlich frustrierend, dass niemand meine Emotionen so nachvollziehen kann, wie ich versuche, sie zu vermitteln. Egal, wie ausführlich ich versuche, zu erklären, wie ich mich fühle, wenn ich an eine andere Person denke, ich fühle mich selten wirklich verstanden. Aber ich glaube, es ist auch in Ordnung so. Man erlebt seine Gefühle ja schließlich nicht für andere, sondern stets für sich selbst. 🙂

  4. Die komplexe Frage: „Wer bin ich?“ hat schon oft für viele Gedanken gesorgt. Butler beschreibt in ihrem Text, das unmögliche vollständige Verständnis über seine eigene Identität. Diese Komplexität wurde in diesem Text sehr gut zusammengefasst. Durch eine klare Struktur und einer guten Formulierung wird der Originaltext beeindruckend und viel verständlicher rübergebracht.

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