Leidenschaft – Emotion oder Tätigkeit?

Einleitung 

Ist Leidenschaft ein eigenständiger Emotionszustand oder ein motivationales Konstrukt, das Tätigkeiten beschreibt, die Personen über das normale Maß hinaus mit besonderer Hingabe nachgehen? 

Diese Frage versucht die Dokumentation durch eine theoriegeleitete wissenschaftliche Analyse verschiedener Einflussfaktoren auf den nächsten Seiten zu ansatzweise mit verschiedenen Papers zu erklären. 

Definition Emotion 

Da laut Prof. Dr. Rosa Maria Puca Emotionen nur ein hypothetisches Konstrukt sind, über dessen Definition sich gestritten wird, und auch Emotionen von anderen bekannten Forschern wie Lisa Feldman Barrett oder Paul Ekman grundlegend anders definiert sind, lässt sich zunächst einmal keine einheitliche Definition darüber treffen. Laut Lisa Feldman Barrett – und auf diese werde ich in diesem Paper weiterhin aufbauen, um Leidenschaft zu erklären – sind Emotionen erfahrungsbasierte Kategorien, die in der Interaktion mit dem sozialen Umfeld erst konstruiert werden. Dazu zählen unter anderem die Wahrnehmung der äußeren, aber auch der eigenen inneren und mentalen Situation (Interozeption). Dadurch dass die Emotionen im Unterbewusstsein gebildet werden, entsteht das Gefühl, als seien sie „natürlich“ gegeben.  

Emotionen lassen sich in verschiedenen sogenannten Emotionskategorien unterteilen. Nach Barret ist eine Emotionskategorie keine biologisch bedingte Einheit, sondern eine Gruppe verschiedener Erlebnisse die vom Gehirn aufgrund früherer Erfahrungen als zusammengehörig behandelt werden [3]. 

Um Leidenschaft somit als Emotion betrachten zu können, müsste es dafür eine eigene emotionale Kategorie geben und nicht nur verschiedene emotionale und motivationale Prozesse zusammenzufassen [1], [2].  

Definition Leidenschaft 

Leidenschaft entwickelt sich schon seit vielen Jahren. Das Wort „Leidenschaft“ kommt vom dem lateinischen patior, „(er)leiden“, das zuvor aus dem griechischen Wort pathos, „Leid“ hervorgegangen ist. Bereits Aristoteles hat im 4. Jahrhundert v. Chr. versucht, eine Definition für Leidenschaft zu finden. Laut ihm seien Leidenschaften Gemütsregungen, die von den Gefühlen der Lust oder Unlust begleitet und nicht an und für sich gut bzw. schlecht sind. Nach den Epikureern und Stoikern ist Leidenschaft jedoch eine Quelle des Unfriedens und der Unausgeglichenheit. Vor allem die Stoiker haben das als Problem wahrgenommen, denn so würden Leidenschaften von den natürlichen Pflichten ablenken. Descartes, ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler (1596-1650) hat die Theorie aufgestellt, dass Leidenschaft von sogenannten „Lebensgeistern“ – laut ihm feine Bestandteile des Blutes – hervorgerufen werden und in das Gehirn eindringen und bewirken, dass der Körper in Wechselwirkung mit der Seele tritt und daraus Leidenschaften erregt werden.  Wichtig zu wissen ist zuerst einmal, dass es auch für Leidenschaft keine einheitliche anerkannte grundlegende Definition gibt [4]. In diesem Paper wird vor allem die in der modernen Psychologie sehr einflussreiche Definition von Leidenschaft nach Vallerand herangezogen. Dort wird beschrieben, dass Leidenschaft innerhalb von den zwei Kategorien (obsessive und harmonische Leidenschaft) in jeweils sieben verschiedenen Kategorien gemessen werden kann. Eine harmonische Leidenschaft wird oft beschrieben als Bestandteil der eigenen Identität, während eine obsessive Leidenschaft nicht mehr von der ausgehenden Person reguliert werden kann, sondern selbst die Person kontrolliert. Im schlimmsten Falle kann das zur psychischen Erkrankung und Konflikten mit anderen Lebensaktivitäten führen. Die harmonische Leidenschaft kann dementsprechend auch nachhaltig zum psychischen Wohlbefinden beitragen und das Erleben negativer Affekte, psychologischer Konflikte und Krankheiten bis zu einem gewissen Maß verhindern [5]. 

Leidenschaft – Emotion oder Tätigkeit 

Leidenschaft ist zwar eng mit Emotionen und Gefühlen verbunden, lässt sich aber nicht mit nur einer einzelnen Emotion passend beschreiben. Emotionen sind die Reflektion der Gefühle von einer Situation in einem speziellen – meist kurz anhaltendem Ereignis – die durch Gesichtsausdrücke geäußert werden können, jedoch nicht müssen. Diese variieren in der für sich anhaltenden Zeitdauer, wie es die Studie von Verduyn & Lavrijsen zeigt [6]. Laut den Autoren ist die Dauer einer Emotion als Zeitspanne zwischen Beginn und erstem oder permanenten Rückkehrpunkt zur emotionalen Baseline definiert. Im Vergleich zu den normalen Emotionen dazu ist Leidenschaft ein langanhaltendes – meist durch Motivation und anderen Einflussfaktoren gegebenes – Konstrukt, die nicht einfach, schnell oder von selbst – verschwinden kann. Laut einer weiteren Studie [7] in der 205 junge Erwachsene über eine Zeitspanne von vier Monaten teilnahmen, wobei ihre Leidenschaft beobachtet worden ist, wurde festgestellt, dass sowohl harmonische Leidenschaft als auch obsessive Leidenschaft sehr hoch und konstant geblieben ist [7]. Die langanhaltende Wirkung und Dauer einer Leidenschaft wird zudem durch [5] nochmal bestärkt aufgegriffen und mit genaueren Studien erklärt. Unterstützt wird das Ganze von Vallerand in seiner Studie [6], in der er erklärt, dass Leidenschaft als eine starke Neigung zu einer selbstdefinierenden Tätigkeit sei, denen Menschen sehr gerne nachgehen oder sogar lieben und deswegen auch regelmäßig Zeit und Energie darin investieren. Die Teilnehmer*innen der Studie [8] berichteten zudem, dass sie ihre leidenschaftlichen Tätigkeiten durchschnittlich 8,5 Stunden pro Woche für sechs Jahre ausgeführt haben [5][8]. 

Einer der wichtigsten Punkte ist in diesem Fall, dass harmonische Leidenschaft positive Emotionen über mehrere Jahre hinweg wiederholt hervorrufen kann, die dann für eine im Vergleich zur langanhaltenden Leidenschaft relativ kurzer Zeit auftreten können, bevor man wieder zur emotionalen Baseline zurückkehrt [6][5].  Bei obsessiver Leidenschaft können auch positive Emotionen auftreten, allerdings sind sie nicht dauerhaft vorhanden und werden häufig von negativen Gefühlen überlagert [6]. Da Leidenschaft somit selbst verschiedene, zeitlich begrenzte Emotionen beeinflussen oder hervorrufen kann, spricht dies eher dafür, sie als übergeordnetes motivationales Konstrukt zu sehen, das langfristig bestehen bleibt und eng mit Motivation, Identität sowie der Bereitschaft verbunden ist, viel Zeit und Energie in eine bestimmte Tätigkeit zu investieren.

Somit lässt sich Leidenschaft weder eindeutig als Emotion noch ausschließlich als Motivation begreifen.

Literatur 

[1] R. M. Puca, „Emotionen“, 2021, Zugegriffen: 23. August 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/emotionen 

[2] R. Adolphs, L. Mlodinow, und L. F. Barrett, „What is an emotion?“, Curr. Biol., Bd. 29, Nr. 20, S. R1060–R1064, Okt. 2019, doi: 10.1016/j.cub.2019.09.008. 

[3] L. F. Barrett, „Categories and Their Role in the Science of Emotion“, Psychol. Inq., Bd. 28, Nr. 1, S. 20–26, 2017, doi: 10.1080/1047840X.2017.1261581. 

[4] philomag, „Philosophischer Grundbegriff: Leidenschaft“. Zugegriffen: 23. August 2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.philomag.de/lexikon/leidenschaft 

[5] R. J. Vallerand, „The role of passion in sustainable psychological well-being“, Psychol. Well- Theory Res. Pract., Bd. 2, Nr. 1, S. 1, März 2012, doi: 10.1186/2211-1522-2-1. 

[6] P. Verduyn und S. Lavrijsen, „Which emotions last longest and why: The role of event importance and rumination“, Motiv. Emot., Bd. 39, Nr. 1, S. 119–127, Feb. 2015, doi: 10.1007/s11031-014-9445-y. 

[7] I. Tóth-Király, B. Bőthe, M. Jánvári, A. Rigó, und G. Orosz, „Longitudinal Trajectories of Passion and Their Individual and Social Determinants: A Latent Growth Modeling Approach“, J. Happiness Stud., Bd. 20, Nr. 8, S. 2431–2444, 2019. 

[8] R. J. Vallerand u. a., „Les passions de l’âme: On obsessive and harmonious passion“, J. Pers. Soc. Psychol., Bd. 85, Nr. 4, S. 756–767, 2003, doi: 10.1037/0022-3514.85.4.756. 

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