Die Macht der Interpretation: Leistungsverbesserung durch cognitive reappraisal



Herzrasen, schwitzige Hände und weiche Knie – für viele Menschen ist dieses sogenannte Lampenfieber ein sehr bekanntes Gefühl, kurz bevor man vor einer großen Menschenmenge spricht oder auftritt. Die Empfindungen in genau diesen Momenten werden meist negativ beschrieben: Angst vor Versagen, Selbstzweifel oder Überforderung. Es ist jedoch möglich, an einer ganz bestimmten Stelle einzugreifen, um einen leistungsfördernden Zustand zu erreichen.

Cognitive reappraisal

Die Methode, die dafür genutzt werden kann, ist cognitive reappraisal. Hierbei wird eine schwierige Situation aktiv aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und dabei neu interpretiert. Dadurch kann sich der emotionale Zustand verändern, sodass ein ursprünglich negativ wahrgenommener Zustand beispielsweise als Vorfreude oder Vorbereitung statt als Angst eingeordnet und somit positiver erlebt wird. Alison Wood Brooks (2014) hat genau dazu geforscht: Die Umdeutung der Emotion von Zweifel zu positiver Aufregung („Excitement“) zeigt in mehreren Studien, die unter anderem Karaoke, mathematische Aufgaben und Rhetorik umfassen, dass die Testpersonen durch ihre chancenorientierte Denkweise eine bessere Leistung erbracht haben.

Die Wirksamkeit dieser Methode lässt sich dadurch erklären, dass körperliche Empfindungen wie Herzrasen nicht automatisch eine bestimmte Emotion darstellen. Sie sind mehrdeutig und können je nach Kontext unterschiedlich interpretiert werden: Herzrasen und Anspannung können bei einem Fallschirmsprung, einer Prüfungssituation oder beim Verlieben erlebt werden. Die Emotionen, die man der jeweiligen Situation zuordnet, sind demnach stark vom Kontext abhängig.

Theorie der konstruierten Emotionen nach Lisa Feldman Barrett

Diese Betrachtungsweise lässt sich mit der Theorie der konstruierten Emotionen von Lisa Feldman Barrett erklären. Sie geht davon aus, dass Emotionen nicht bloß festgelegte Reaktionen auf bestimmte Reize sind. Vielmehr konstruiert das Gehirn die jeweiligen Emotionen, indem es die aktuelle Situation und die körperlichen Signale mit beispielsweise vergangenen Erfahrungen und dem jeweiligen Kontext verknüpft. Das Gehirn versucht auf diesem Weg, eine Vorhersage über eine Emotion zu treffen.

Bei dem Beispiel des Lampenfiebers sind mögliche körperliche/ interozeptive Signale das bereits genannte Herzrasen oder ein flaues Gefühl im Magen. Zudem wird auch die Situation, also exterozeptive Reize, wie die große Menschenmenge oder Scheinwerfer wahrgenommen. Daraus ergibt sich der sogenannte Core Affect, also ein kontinuierlicher und grundlegender Zustand, der in der Intensität und Valenz (entweder positiv oder negativ) variiert. Das Lampenfieber würde zu einem Core Affect von eher starker Intensität und einer negativen Valenz führen, dies ist aber noch keiner konkreten Emotion zugeordnet. Anschließend interpretiert das Gehirn den Core Affect mithilfe des jeweiligen Kontexts der Person, also beispielsweise mit der Erinnerung an stotternd vorgetragene Vorträge. Auf Grundlage dieser Interpretation wird der Zustand schließlich als eine bestimmte Emotion benannt, wie in diesem Beispiel als Angst.

Grenzen und Umsetzbarkeit der Leistungssteigerung

Die Umdeutung bestimmter Emotionen kann also die Leistung verbessern, sie stößt allerdings auch an Grenzen. Insbesondere in starken Stresssituationen kann die Umsetzung des cognitive reappraisal äußerst schwierig und anstrengend sein. Beispiele für diese Grenzen sind unter anderem existentielle Krisen wie eine Kündigung oder auch traumatische Erlebnisse. Es erfordert viel Übung, die Methode regelmäßig erfolgreich anzuwenden. Zudem kann die Wirksamkeit je nach Kontext, Person und Situation sehr unterschiedlich ausfallen.

Fazit

Cognitive reappraisal kann in Leistungssituationen zu einer Leistungssteigerung beitragen, indem körperliche Signale anders interpretiert und schließlich andere Emotionen benannt werden. So können belastende Emotionen reduziert und leistungsfördernde Zustände begünstigt werden. Diese Wirkung ist jedoch nicht garantiert und hängt immer noch von der Person und der Situation ab.

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