Genderunterschiede in Bezug auf unsere emotionale Granularität

„Mir geht es schlecht.“ sagt Max. „Ja, ich bin auch total nervös und sehr besorgt wegen der Prüfung gleich.“ antwortet Lea ihm. Beide sprechen über denselben Anlass, doch während Lea verschiedene Emotionen benennt, um ihre Gefühlslage zu beschreiben, bezeichnet Max sein Empfinden einfach pauschal als „schlecht“. Schlecht beschreibt jedoch keine konkrete Emotion, sondern nur eine emotionale Valenz und kann von Trauer, über Frustration bis Wut viele Emotionen beschreiben. Dieses Phänomen – wie fein oder grob eine Person ihre Emotionen wahrnimmt und benennt – wird in der Psychologie als emotionale Granularität bezeichnet.In Bezug auf den kleinen Dialog am Anfang kommt die Frage auf, ob systematische Unterschiede zwischen Geschlechtern in Bezug auf die Fähigkeit, Emotionen genau zu differenzieren, bestehen. Die vorliegende Arbeit untersucht daher die Hypothese, dass Frauen eine feinere emotionale Granularität als Männer haben.  

Zunächst gilt es, den Begriff emotionale Granularität für diese Arbeit einheitlich zu definieren. Lisa Feldman Barrett definiert emotionale Granularität im Kern als die Fähigkeit des Gehirns, emotionale Zustände mit hoher Präzision und Kontextspezifität zu konstruieren und zu erleben. 

Eine konkrete Studie, die sich mit der Fragestellung nach Genderunterschieden bei unserer emotionalen Granularität beschäftigt, wurde im Jahr 2000 von den Forscher*innen Barrett, Lane, Sechrest und Schwartz veröffentlicht. Um mögliche Unterschiede  zwischen Männern und Frauen zu untersuchen, wurden Teilnehmer*innen aus sieben verschiedenen Stichproben herangezogen, die sich in Alter, schulischer Leistung, sozioökonomischen Status und kulturellem Hintergrund deutlich unterschieden. Das Ergebnis war in allen sieben Stichproben, dass Frauen in dem durchgeführten Leistungstest zu emotionaler Bewusstheit durchschnittlich höhere Werte erzielten als männliche Teilnehmer. Dabei wurde auch die Ausdrucksfähigkeit, also die verbale Intelligenz, als mögliche Drittvariable untersucht, und der Genderunterschied blieb auch nach dieser Kontrolle bestehen. Frauen beschreiben emotionale Zustände nach Barretts Studie durchgehend komplexer und differenzierter. Dieser Befund stützt die These der feineren emotionalen Granularität von Frauen auf Gruppenebene. 

Ein naheliegender Erklärungsansatz ist die genderspezifische Sozialisierung. Er hängt vielmehr mit der gesellschaftlichen Erziehung einer Person zusammen. Von klein auf lernen Mädchen und Jungen unterschiedlich, wie sie mit Gefühlen umgehen. Mädchen werden öfter dazu angeregt, über ihre Gefühle zu sprechen. Eltern bringen ihnen aktiv bei, Gefühle zu benennen und darüber nachzudenken. Sie führen mit Töchtern meist längere und emotionalere Gespräche als mit Söhnen. Das gilt zum Beispiel, wenn es darum geht, warum ein Kind traurig oder wütend ist. Jungen hingegen sollen ihre Gefühle eher kontrollieren oder zurückhalten. Ganz im Sinne des verbreiteten Bildes vom „starken”, emotional verschlossenen Mann.

Diese frühen Unterschiede in der emotionalen Erziehung wirken sich langfristig auf die Fähigkeit aus, Gefühle präzise wahrzunehmen und zu benennen. Wer von klein auf so geleitet wird, ein vielfältiges emotionales Vokabular zu entwickeln und es zu nutzen, erlernt mit der Zeit auch eine feinere emotionale Unterscheidungsfähigkeit. Umgekehrt kann ein Mangel an sprachlicher Übung beim Ausdrücken von Gefühlen dazu führen, dass emotionale Zustände nur grob, zum Beispiel in ihrer Valenz als „gut” oder „schlecht”, eingeordnet werden. Das gilt auch dann, wenn die eigentliche innere Erfahrung viel differenzierter ist.

Auch wenn dieser Erklärungsansatz grundsätzlich plausibel erscheint, ist kritisch zu betrachten, ob man die Hypothese tatsächlich einfach pauschal bejahen kann und sollte.

Obwohl Barrett et al. (2000) einen stabilen und über verschiedene Stichproben hinweg verallgemeinerbaren Effekt feststellt, handelt es sich dabei um einen statistischen Gruppenunterschied. Es ist keine Aussage, die für jede einzelne Frau oder jeden einzelnen Mann gilt. Innerhalb beider Geschlechter gibt es eine große individuelle Bandbreite in der emotionalen Granularität. Manche Männer nehmen ihre Gefühle sehr genau wahr und können sie benennen, während es auch Frauen gibt, deren emotionale Granularität eher gering ausgeprägt ist. Die Hypothese darf nicht so verstanden werden, als sei emotionale Differenziertheit eine feste, geschlechtsgebundene Eigenschaft.

Außerdem besteht die Gefahr, dass eine solche Verallgemeinerung bestehende Stereotype eher verstärkt, statt sie zu hinterfragen. Wenn der Satz „Frauen haben eine feinere emotionale Granularität” ohne Einordnung dargestellt wird, kann er genauso wirken wie das klischeehafte Bild der „emotionaleren Frau”. Der Unterschied ist, dass er wissenschaftlich belegt erscheint, obwohl er eigentlich nur einen Durchschnittswert beschreibt. Die Ursachen sind, wie bereits erläutert, größtenteils durch die Sozialisierung bedingt. Es handelt sich also nicht um eine festgelegte biologische Eigenschaft, sondern um eine erlernte Fähigkeit, die sich bei jedem Menschen unabhängig vom Geschlecht weiterentwickeln kann. Die Hypothese lässt sich also nur eingeschränkt bestätigen. Auf Gruppenebene gibt es einen nachgewiesenen Unterschied, der sich gut auf die Sozialisation junger Menschen in unserer Gesellschaft zurückführen lässt. Allerdings erlaubt der Befund auf individueller Ebene keine Vorhersage.

Emotionale Granularität ist keine feste Eigenschaft. Sie ist eine erlernte Fähigkeit, die stark durch Erziehung und gesellschaftliche Rollenbilder beeinflusst wird. Genderunterschiede sagen deshalb wenig über biologische, sondern mehr über soziale Einflussfaktoren aus. Wer lernt, die eigenen Gefühle genauer wahrzunehmen und zu benennen, kann davon profitieren, unabhängig vom Geschlecht. So könnten also in dem zu Beginn genannten Beispiel die Sätze von Max und Lea auch genauso gut vertauscht sein. 

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