Viele Menschen würden Emotionen als klar voneinander abgegrenzte, universelle und unkontrollierbare Gefühle bezeichnen. Diese Einschätzung von Emotionen wird uns nämlich schon seit Jahrzehnten von klein auf suggeriert und durch Filme, wie „Alles steht Kopf“, gesellschaftlich gefestigt. Doch eigentlich hat das kaum etwas mit der wahren Entstehung und Definition von Gefühlen zu tun.
Dieses irreführende Bild basiert nämlich auf der Basic Emotion Theory von Paul Ekman, die heutzutage als überholt gilt und aufgrund veralteter, teils problematischer Methodik unter Kritik steht. Statt Ekmans Theorie rückt in den letzten Jahren die Theory of Constructed Emotion von Lisa Feldman Barrett in den Vordergrund. Diese konzeptualisiert die Entstehung von Emotionen anders: Barrett schildert, dass Emotionen nicht von vornherein determiniert sind, sondern erst in unserem Gehirn konstruiert werden. Ein wichtiger Punkt, in dem sich beide Theorien unterscheiden ist, dass es bei Barrett zu einem Interpretationsvorgang im Gehirn kommt. Durch den Interpretationsvorgang ist es uns möglich aktiv Einfluss auf ihn zu nehmen und so unsere Emotionen zu kontrollieren bzw. zu regulieren. Doch um die Wege zur Emotionskontrolle zu verstehen, sollte man zunächst mit der Theory of Constructed Emotion vertraut sein:
Barrett beschreibt, dass das Gehirn zunächst die Situation, in der man sich gerade befindet sowie die aktuellen Körpersignale (z.B. Herzschlag oder Körpertemperatur) wahrnimmt und daraus den sogenannten Core Affect formt. Der Core Affect ist die aktuelle innerliche Stimmung und zeichnet sich dadurch aus, dass er kontinuierlich präsent ist. Außerdem kann er in seiner Intensität und Valenz variieren.
Nun interpretiert das Gehirn den Core Affect zusammen mit dem individuellen Kontext der Person (z.B. Erinnerungen, Erfahrungen, Sprache, Kultur) und macht es möglich eine konkrete Emotion zu benennen. Vereinfacht gesagt sind Emotionen Vermutungen unseres Gehirns, um vorherzusagen was als nächstes geschehen könnte.
Dieses Modell von Lisa Feldman Barrett macht Emotionskontrolle erst möglich. Basierend auf dieser Argumentation kann man also festhalten, dass Emotionen keine reinen Reaktionen auf äußere Umstände sind die universell festgelegt werden, sondern Vorhersagen des Hirns, die kontrollierbar sind. Diese sind kontrollierbar, weil es im Gehirn zu einem subjektiven Interpretationsvorgang kommt, der sich durch Methoden, wie das sogenannte Cognitive Reappraisal. Cognitive Reappraisal beschreibt eine Neubewertung im Interpretationsvorgang. Man möchte hierbei aktiv Einfluss darauf nehmen welche Emotion gefühlt wird.
Wenn man beispielsweise unter Prüfungsangst leidet, versucht man das Körpersignal des Herzrasens nicht als Überforderung anzusehen, sondern es neu zu deuten und sich der Interpretation zu nähern, dass sich der Körper lediglich darauf vorbereitet Leistung zu erbringen. Man kann zwar das Körpersignal nicht verändern, aber man kann versuchen es in einen neuen Kontext zu stellen und so die Benennung des Gefühls beeinflussen.
Manchmal wird Cognitive Reappraisal falsch verstanden und als „Gaslighting“ des eigenen Gehirns bezeichnet, obwohl es das keineswegs ist. Gaslighting definiert sich nämlich als gezieltes Verdrehen der Realität, indem Tatsachen geleugnet werden. Genau das ist bei Cognitive Reappraisal nicht der Fall, da man keine eindeutigen Fakten (Situation oder Körpersignale) verdreht oder ignoriert, sondern versucht eine Neubewertung seiner subjektiven Wahrnehmung vorzunehmen. Es gibt bei Gefühlen nämlich kein Richtig oder Falsch, da die Empfindung und der Kontext von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.
Ein weiteres Missverständnis, das in Bezug auf Emotionsregulation auftreten kann ist, dass häufig davon ausgegangen wird, dass Emotionsregulation Emotionsunterdrückung bedeutet. Auch dieses Bild hat sich durch die Theorie von Ekman gefestigt, aber so funktioniert unser Gehirn nicht. Das Ziel von Methoden wie Cognitive Reappraisal ist es nicht keine Emotionen mehr zu fühlen, sondern einen guten und gesunden Umgang mit ihnen zu finden. Manche Gefühle müssen sogar erst gespürt werden, um sie richtig regulieren zu können. Daher gibt es auch zwei übergeordnete Gruppen der Emotionsregulation: die antezedenzfokussierte Reaktion, die angewendet wird, bevor man eine Emotion spürt und die reaktionsfokussierte Reaktion, die für die Regulation verantwortlich ist, wenn die Emotion schon präsent ist.
Zusammenfassend zeigt sich, dass unsere Emotionen konstruiert und daher kontrolliert sind. Diese These wird auch dadurch unterstützt, dass wir die Möglichkeit haben unsere Emotionen zu regulieren, was im Kern nichts anderes ist als Kontrolle auszuüben.