Stell dir vor, zwei Menschen stehen vor derselben Situation: Beide hören plötzlich ein lautes Geräusch. Beide erschrecken, ihr Herz schlägt schneller und ihr Körper spannt sich an. Aber was passiert danach? Der eine bekommt Angst, während der andere vielleicht neugierig wird und wissen möchte, was passiert ist. Warum reagieren Menschen also unterschiedlich, obwohl ihr Körper zunächst ganz ähnlich reagiert?
Jeder Mensch kennt Emotionen wie Freude, Angst, Wut, Trauer oder Überraschung. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt, stellt sich eine interessante Frage: Sind diese Emotionen einfach angeboren und bei allen Menschen identisch, oder entstehen sie erst dadurch, wie wir eine Situation wahrnehmen und interpretieren? Genau darum geht es bei der Frage, ob Emotionen eher „Nature“ oder „Nurture“ sind, also ob sie hauptsächlich durch unsere Biologie oder durch unsere Erfahrungen und unsere Umwelt entstehen.
Eine bekannte Antwort auf diese Frage liefert der Psychologe Paul Ekman. Er ist der Meinung, dass es universelle Basisemotionen gibt, die bei Menschen auf der ganzen Welt vorkommen, egal aus welcher Kultur sie kommen. Nach seiner Theorie gibt es bestimmte Basisemotionen Freude, Angst, Wut, Trauer, Ekel, Verachtung und Überraschung, die angeboren sind und bei Menschen in ähnlichen Situationen auch ähnlich ablaufen. Das bedeutet, dass unsere Fähigkeit, bestimmte Emotionen zu empfinden, nicht erst durch unsere Erziehung gelernt werden muss, sondern schon von Anfang an einen biologischen Teil hat. Mit „biologisch“ ist dabei gemeint, dass bestimmte emotionale Reaktionen mit Vorgängen in unserem Körper und Gehirn zusammenhängen und deshalb nicht vollständig von unserer Umwelt abhängig sind. Ekman leitet daraus ab, dass Menschen bestimmte emotionale Reaktionen bereits mitbringen, bevor sie durch ihre Kultur oder persönliche Erfahrungen geprägt wurden. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ähnliche Emotionen zeigen und erkennen können, obwohl sie diese nicht voneinander gelernt haben, spricht das für einen angeborenen, universellen Bestandteil von Emotionen.
Ein wichtiger Punkt in Ekmans Theorie sind dabei Gesichtsausdrücke und körperliche Reaktionen. Ekman verbindet bestimmte Gesichtsausdrücke mit bestimmten Emotionen. Freude zeigt sich zum Beispiel oft durch ein Lächeln und Angst kann sich durch aufgerissene Augen oder eine angespannte Körperhaltung zeigen. Er untersuchte dabei auch Menschen aus Kulturen, die nur wenig Kontakt zur westlichen Welt hatten. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass bestimmte Gesichtsausdrücke von Menschen aus verschiedenen Kulturen ähnlich gezeigt und auch erkannt wurden. Das spricht laut Ekman dafür, dass manche emotionale Reaktionen universell sind und nicht nur durch die jeweilige Kultur gelernt werden. Ein Gesichtsausdruck kann nach dieser Theorie also ein wichtiger Hinweis darauf sein, was ein Mensch gerade fühlt.
Auf der anderen Seite, gibt es jedoch auch Forscher, die diese Vorstellung nicht komplett unterstützen. Eine wichtige Gegenposition kommt zum Beispiel von Lisa Feldman Barrett. Sie geht davon aus, dass Emotionen nicht einfach als fertigeKategorien in unserem Gehirn abgespeichert sind, die dann bei einer bestimmten Situation automatisch aktiviert werden. Stattdessen argumentiert sie, dass unser Gehirn Emotionen aus verschiedenen Informationenkonstruiert. Dazu gehören zum Beispiel körperliche Empfindungen, unsere bisherigen Erfahrungen und die Situation, in der wir uns gerade befinden.
Das bedeutet, dass ein bestimmtes körperliches Gefühl nicht automatisch nur eine einzige Emotion bedeuten muss. Wenn unser Herz schneller schlägt und wir angespannt sind, kann das zum Beispiel Angst bedeuten, aber es könnte genauso gut auch Aufregung oder Vorfreude sein. Erst der Kontext hilft unserem Gehirn dabei, diese körperlichen Signale einzuordnen. Wenn man zum Beispiel kurz vor einer Prüfung einen schnellen Herzschlag hat, könnte man das als Nervosität oder Angst interpretieren. Wenn man aber kurz vor einem Konzert steht, kann genau der gleiche schnelle Herzschlag als Aufregung oder Vorfreude wahrgenommen werden. Die körperliche Reaktion ist also ähnlich, aber die Emotion, die wir damit verbinden, kann unterschiedlich sein.
Auch Gesichtsausdrücke sind nach dieser Gegenposition nicht immer eindeutig. Ein Mensch kann zum Beispiel ein angespanntes Gesicht haben und dabei konzentriert sein, wütend sein oder sich unwohl fühlen. Nur anhand des Gesichtsausdrucks kann man deshalb nicht immer sicher sagen, welche Emotion die Person gerade empfindet. Der Kontext spielt hier also ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Wenn jemand beispielsweise die Stirn runzelt, kann das bedeuten, dass er wütend ist, aber vielleicht versucht die Person auch einfach etwas Schwieriges zu verstehen. Deshalb kann man einen Gesichtsausdruck nicht immer direkt mit einer bestimmten Emotion gleichsetzen.
Wenn man die beiden Positionen miteinander vergleicht, wird deutlich, dass sie unterschiedliche Schwerpunkte haben. Ekman betont vor allem den biologischen und universellen Teil von Emotionen. Bestimmte Emotionen und ihre Ausdrucksformen sind seiner Meinung nach bei Menschen auf der ganzen Welt ähnlich. Das würde eher für „Nature“ sprechen. Die Theorie von Lisa Feldman Barrett legt dagegen mehr Wert darauf, dass Emotionen durch das Gehirn und durch unsere Erfahrungen konstruiert werden. Die Umgebung, die Kultur und die jeweilige Situation beeinflussen also, wie wir körperliche Reaktionen interpretieren. Das wäre eher der Bereich „Nurture“.
Beide Theorien sind komplimentär zueinander. Meiner Meinung nach können beide Ansätze verschiedene Seiten von Emotionen erklären. Es gibt vermutlich bestimmte biologische Grundlagen, die wir von Anfang an mitbringen. Zum Beispiel können bestimmte körperliche Reaktionen bei vielen Menschen ähnlich sein. Gleichzeitig lernen wir aber auch durch unsere Erfahrungen, wie wir diese Reaktionen einordnen und welche Bedeutung wir ihnen geben. Unsere Kultur, unsere Erziehung und die Situationen, die wir erleben, können also ebenfalls beeinflussen, wie wir Emotionen wahrnehmen und ausdrücken.
Deshalb denke ich, dass Emotionen wahrscheinlich weder komplett angeboren noch komplett erlernt sind. Es ist jedoch einen biologischen Teil vorhanden, dochbeeinflussen unsere Erfahrungen und Umgebungen, wie unsere Emotionen interpretiert werden. Gesichtsausdrücke und körperliche Reaktionen können uns wichtige Hinweise geben, aber sie sind nicht immer eindeutig. Am Ende hängt die Interpretation einer Emotion auch stark von der Situation und der eigenen Wahrnehmung ab. Für mich sind Emotionen deshalb eher ein Zusammenspiel aus „Nature“ und „Nurture“, also aus biologischen Grundlagen und den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen.