Kurs 1.4: „So war das nicht gemeint!“ – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Thu, 03 Sep 2026 10:29:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Kurs 1.4: „So war das nicht gemeint!“ – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Kurs 1.4 – „So war das nicht gemeint!“  ../../../kurs-4/kurs-1-4-so-war-das-nicht-gemeint/index.html ../../../kurs-4/kurs-1-4-so-war-das-nicht-gemeint/index.html Thu, 27 Aug 2026 16:15:06 +0000 ../../../index.html

Ein Missverständnis kann die Welt bewegen, es kann komisch oder peinlich sein – ein großer Knall, und irgendwie dann „nur“ ein Missverständnis, nicht so schlimm. 

Der Kurs beschäftigte sich damit, dass jemand denkt, er will das Gleiche wie die andern, und dann plötzlich merkt, dass etwas nicht stimmt. Dazu gehören immer Sprache (Kommunikation, man sagt was, oder irgendwie zu viel, zu wenig), Zeit (die lange Prägung und das Plötzliche), konkrete Situation und Menschen (wer wir sind und was wir sind, warum und ob uns das bewusst ist). Anhand von Momenten aus Alltag, Politik und Geschichte fragte der Kurs, warum uns etwas auffällt, während uns vieles verborgen bleibt. Das Kursgespräch beleuchtete Beispielfälle im Detail und widmete sich Fragen nach Erwartung, Prägung, Perspektiven und Verstehen.

Der Kurs 1.4 in Schwäbisch Gmünd wollte sein ganzes Interesse sechzehn Tage lang einer Gemeinschaft zuwenden, die mehr als nur der Kenntniserweiterung diente. Schon zu Beginn des ersten Aufeinandertreffens mit den anderen Teilnehmenden der Akademie haben die TN untereinander eine besondere Verbindung gespürt. Sie durften in Kleingruppen eine Frage entwickeln, auf die sich der Kurs in der kommenden Zeit fokussieren sollte. Diese vier Fragen zogen sich von da an als roter Faden durch den Kurs:

  • Auf welchen Ebenen können Missverständnisse entstehen?
  • Was können wir für uns schließen im Hinblick auf Missverständnisse?
  • Wie kommuniziere ich vor, während und kurz nach Missverständnissen?
  • Bringen uns Missverständnisse weiter?

Der Alltag der Akademie spaltete sich in knifflige Kursgespräche und kursübergreifende Aktivitäten (KüAs). Dabei genossen die TN nicht nur die akademische Herausforderung, sondern auch die humorvolle, gestalterische, erfinderische und sportliche Vielfalt der Akademie. Auf Wunsch der Teilnehmenden wurden zudem im Kurs Rollenspiele geführt, die Missverständnisse auf praktischer Ebene veranschaulichen und mit verschiedenen Lösungsmöglichkeiten erkunden sollten. Neben dem praktischen Teil wollten die TN auch erfahren, wie Missverständnisse aus verschiedenen Perspektiven interpretiert, analysiert und gedeutet werden können. 

Auf der theoretischen Grundlage von bahnbrechenden Texten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen (Philosophie, Hermeneutik, Anthropologie, Phänomenologie, Linguistik, Soziologie etc.) und Epochen wurde im Kurs versucht, diese komplexen Erklärungsmodelle zu verstehen und auf diese Kursfragen anzuwenden. Dadurch ergaben sich erhellende Diskussionen, bei denen wir eigene Erfahrungen einbringen konnten und viele neue Perspektiven kennengelernt haben.

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Erving Goffman: The presentation of self in everyday life  ../../../kurs-4/erving-goffman-the-presentation-of-self-in-everyday-life/index.html ../../../kurs-4/erving-goffman-the-presentation-of-self-in-everyday-life/index.html Thu, 27 Aug 2026 16:10:31 +0000 ../../../index.html

Eines der bekanntesten Werke des Soziologen Erving Goffman (1922–1982) ist sein 1956 veröffentlichtes Buch „The presentation of self in everyday life[1]. Goffman geht davon aus, dass Menschen – ganz ähnlich wie Schauspieler auf der Bühne – eine Rolle in der Gesellschaft spielen. In seinem Buch widmet er sich der Frage, inwiefern Menschen in alltäglichen Situationen eine soziale Rolle spielen. Zum besseren Verständnis von Missverständnissen hat sich der Kurs intensiv mit dem Kapitel „Misrepresentation“[2] beschäftigt.

Vor der Besprechung des Textes erschien es dem Kurs sinnvoll, zentrale Begriffe Goffmans zu klären. Besonders hervorzuheben war dabei die von Goffman nicht sauber getrennte Unterscheidung im Gebrauch der Begriffe „sign“ (Zeichen) und „cue“ (Anzeichen). Ein Zeichen ist in diesem Sinne ein allgemein akzeptiertes Symbol, dessen Zusammenhang zu seiner Bedeutung arbiträr ist. Ein Anzeichen („cue“) ist ein Zeichen für etwas, was geschehen ist, gerade passiert oder im Anschluss passieren wird. Raucht es z. B.  irgendwo kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass es momentan brennt. Ein anderes Beispiel sind aufziehende Wolken, welche häufig ein Anzeichen für kommenden Regen sind. Diese Erfahrung haben wir im Laufe unseres Lebens erworben. Zwischen den jeweiligen Phänomenen besteht ein kausaler Zusammenhang, und die Sicherheit, mit der das Angezeigte tatsächlich eintritt, ist für den Status des Anzeichens nicht ausschlaggebend. Goffman verwendet also in seinen Texten häufig das Wort „sign“, obwohl er das Anzeichen meint. 

Der Titel „Misrepresentation“ wird in der deutschen Version mit „Unwahre Darstellungen“ übersetzt. Im Kurs wurde untersucht, worin der Unterschied zwischen Falschdarstellung und unwahrer Darstellung liegt. Um diese Frage zu beantworten, hilft es, den Unterschied zwischen richtig und wahr zu benennen. „Richtig“ wird dann verwendet, wenn es um eine konkrete Feststellung geht, die zu diesem Zeitpunkt überprüfbar ist. „Wahr“ steht eng in Verbindung mit dem Wahrnehmenden. Aufgrund einer persönlichen Einstellung kann etwas als wahr erscheinen. Diese Unterscheidung kann beispielsweise auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“ zurückgeführt werden. „Falsch” würde demgegenüber bedeuteten, dass etwas nachweislich nicht korrekt ist. „Unwahr“ bezieht sich auf die Ebene der sozialen Wahrnehmung. Eine Darstellung oder Situation ist unwahr, wenn sie nicht der authentischen Realität entspricht, selbst wenn keine expliziten Falschaussagen getroffen wurden. Richtung und Ausmaß, in dem etwas von der absoluten Wahrheit abweichen kann, lassen sich dabei als eine Art Spektrum begreifen.

Goffman schreibt dazu:

„[…] an audience is able to orient itself in a situation by accepting performed cues on faith […]., treating these signs as evidence of something greater than or different from the sign-vehicles themselves. If this tendency of the audience to accept sings places the performer in a position to be misunderstood and makes it necessary for him to exercise expressive care regarding everything he does when before the audience, so also this sign-accepting tendency puts the audience in a position to be duped and misled, for there are few signs that cannot be used to attest do the presence of something that is not really there.“[3]

Im oben zitierten Textabschnitt ist besonders die Verwendung des Ausdrucks „expressive care“ bedeutsam. Den Darstellenden muss bewusst sein, dass die von ihnen ausgesendeten Zeichen fortlaufend interpretiert werden. Goffman weist aus diesem Grund den Darstellenden an dieser Stelle eine gewisse Verantwortung zu. 

Im Folgenden versucht der Autor, drei verschiedene Arten von „misrepresentation“ zu definieren: die Verkörperung („impersonation“[5]), die Lüge („lie“[6]) und das Verbergen („secrecy“[7]).

Goffman zufolge hängt die Art, wie ein Identitätswechsel (impersonation) bewertet wird, vom sozialen Status der imitierten Person ab. Dazu schreibt er:

For example, while it is felt to be an inexcusable crime against communication to impersonate someone of sacred status, such as a doctor or a priest, we are often less concerned when someone impersonates a member of a disesteemed, non-crucial, profane status, such as that of a hobo or unskilled worker.”[8]

Zudem sei das Motiv von Bedeutung: Liegen dem Identitätswechsel beispielsweise Selbstschutz oder Schadensvermeidung zugrunde, werde er tendenziell milder beurteilt. Außerdem sei die Täuschung einer spezifischen Einzelperson in der Regel leichter zu durchschauen als das Vortäuschen einer Gruppenzugehörigkeit. Ersteres werde auch härter bestraft.[9]

Darüber hinaus unterscheidet Goffman drei Arten von Lügen, und zwar zunächst die „barefaced lies“ (schamlose Lügen). Dabei wird aktiv vom Sprecher etwas Falsches gesagt. Hinter dieser Lüge steht die Absicht des Eigenprofits. Außerdem sei es dem Sprecher klar, dass er lügt, und er tut es dennoch absichtlich.[10] Wird er bei dieser Art von Lüge entlarvt, kann dies seine soziale Position sowie das Vertrauen in ihn nachhaltig beschädigen.[11]

An zweiter Stelle stehen die „white lies“ (Notlügen), bei deren Verwendung der Sprecher das Ziel hat, etwas oder jemanden zu beschützen oder zu bewahren, „presumably to save the feelings of the audience that ist lied to, and these kinds of untruths are not thought to be horrendous“[12]. Die Absicht des Sprechers ist hierbei zwar wohlwollend, kann vom Gegenüber jedoch als ambivalent wahrgenommen werden, abhängig davon, ob man lieber die Wahrheit gehört hätte oder nicht. Höflichkeitslügen sind häufig gesellschaftlich geduldet oder sogar gefordert.

Abschließend nennt Goffman eine weitere Art von Lüge: „Communication techniques such as innuendo, strategic ambiguity, and crucial omissions allow the misinformer to profit from lies without, technically, telling any.“[13] Ähnlich wie bei „barefaced lies“ ist der Eigenprofit das Hauptziel. Jedoch unterscheidet sich die Art und Weise, wie dies geschieht. Hier werden bewusst Techniken, wie Andeuten oder das bewusste Weglassen eines entscheidenden Details genutzt, um das Gegenüber absichtlich in eine falsche Schlussfolgerung rennen zu lassen mit dem Ziel sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. 

Abschließend beschäftigt sich Goffman mit dem sogenannten „Verbergen“. Auch diese Technik meinte das bewusste Auslassen von Details. Der Hauptunterschied zu einer strategischen Doppeldeutigkeit (eine Form der Lüge) ist, dass der Sprecher die Absicht hat, einen bestehenden Status beizubehalten, beispielsweise das Bild der Person zu erhalten, welches man gesellschaftlich etabliert hat. Für Goffman ist diese Form der „misrepresentation“ strukturell notwendig, damit sozialer Alltag funktionieren kann.[14] Langfristig kann das jedoch dazu führen, dass eine Beziehung bedroht ist, die sich auf die Rolle einer Person stützt, und Misstrauen auch in Lebensbereichen schüren, in denen der Sprecher möglicherweise nichts zu verbergen hat.[15]

Die Deutsche Schülerakademie konnte im Kurs als Gegenbeispiel dienen: Da die Teilnehmenden dort auf unbekannte, neue Menschen treffen, haben sie die Möglichkeit, ein neues Selbstbild zu entwerfen, und sind daher nicht darauf angewiesen, ein altes Bild durch das Verbergen von Informationen oder Charaktereigenschaften aufrechtzuerhalten. Dennoch verbergen Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas von sich, geben also nicht alles öffentlich preis. Als zweiten Unterschied kann man einen klaren Zeitpunkt ausmachen, an dem das Verborgene hätte explizit gemacht werden müssen. Eine strategische Doppeldeutigkeit kann sich jedoch über einen langen, unscharfen Zeitraum ziehen. 

In Bezug auf die Frage nach Missverständnissen zeigt uns Goffman, dass alle Menschen Schauspieler sind, die verschiedene Rollen spielen können. Diese Rollen können entweder unabsichtlich falsch verstanden oder vom Sprechenden absichtlich missverständlich inszeniert werden. Auf dieser Grundlage besteht stets die Möglichkeit, dass Zuhörende ihr Gegenüber falsch verstehen oder einordnen.


[1] Erving Goffman, „Unwahre Darstellungen” in: Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag [zunächst: The Presentation of Self in Everyday Life, New York: Doubleday & Co., 1959], München: Piper, 1983, S. 54–62.

[2] Vgl. ebd., S. 64-73.

[3] Vgl. ebd., S. 69 und 71.

[4] Vgl. ebd., S. 67.

[5] Vgl. ebd., S. 67.

[6] Vgl. ebd., S. 69.

[7] Vgl. ebd., S. 71f.

[8] Vgl. ebd., S. 71.

[9] Vgl. ebd., S. 71.

[10] Vgl. ebd., S. 65.

[11] Vgl. ebd., S. 67 und 69.

[12] Vgl. ebd., S. 69.

[13] Vgl. ebd., S. 69.

[14] Vgl. ebd., S. 65 und 67.

[15] Vgl. ebd., S. 69.


  Grice: Cooperative Principle

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Giving an Account of Oneself ../../../kurs-4/giving-an-account-of-oneself/index.html ../../../kurs-4/giving-an-account-of-oneself/index.html Thu, 27 Aug 2026 15:42:16 +0000 ../../../index.html

„Wer bist du?“

Das ist eine Frage, die uns oft im Leben begegnet und die zunächst simpel wirkt. Jedoch können auf ihrer Grundlage Interessen, Stärken, äußerliche Merkmale, soziale Rollen, Orte, prägende Erlebnisse und mehr beschrieben werden. Jeder Mensch hat unbegrenzt viele Möglichkeiten, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. 

Judith Butler stellt in ihrem Buch „Giving an Account of Oneself“ aus dem Jahr 2005 auf den Seiten 36-40 fundamentale Fragen zur individuellen Identität. Der Titel des Werks wurde in der deutschen Ausgabe mit „Kritik der ethischen Gewalt“ übersetzt, wobei eine wörtliche Übertragung ins Deutsche auch „Rechenschaft über sich selbst“ sein könnte. 

Rechenschaft können Menschen nie ganz ablegen. Denn niemand vermag innerhalb der Zeit eines Austausches über die eigene Identität, der sowohl von einer Person selbst oder von anderen angestoßen werden kann, die gesamte Lebenszeit abzubilden. Anknüpfend an Foucault formuliert Butler sogar noch deutlicher: 

„My words are taken away as I give them, interrupted by the time of a discourse that is not the same as the time of my life.“[1]

Schon bevor ich eine Beschreibung meiner selbst ausformuliere, sind die Worte, die mir dafür zur Verfügung stehen, unklar. Denn Menschen sind nie nur sie selbst, sondern immer auch ein Teil einer Gesellschaft mit Normen, Institutionen und Sprache. Hierbei ist die Sprache besonders hervorzuheben. Jedes Mal, wenn ich eine Rechenschaft über die eigene Identität ablege, hängt diese im Wesentlichen von meiner Ausdrucksfähigkeit ab. Die Sprache muss versuchen, die scheinbar eigenen Werte wiederzugeben, wobei diese maßgeblich von einer „sociality that exceeds me“[2] beeinflusst sind. 

Menschen sind laut Butler nicht in der Lage, alle „exposures“[3], also Offenbarungen oder auch Erschließbarkeiten, zu benennen. Darüber hinaus muss jedes Mal, wenn eine Rechenschaft abgelegt wird, diese an einen konkreten oder abstrakten, äußeren oder inneren Adressaten gerichtet sein, der wiederum im Rahmen einer „exposure “, also einer bestimmten Situation, handelt und so die Struktur der Rechenschaftsablage wesentlich beeinflusst. Man ist also schon während dem Austausch mit einem Gegenüber den Normen des Adressaten ausgesetzt. Butler stellt fest: „I will […] have to make myself substitutable in order to make myself recognizable”[4]. Menschen sind auf die verdeckten, für den einzelnen Menschen undurchsichtigen Strukturen der Gesellschaft angewiesen. Ohne Sprachen wäre kein Austausch möglich. Doch gleichzeitig machen der Sprachgebrauch und die grundlegenden Normen das Rechenschaftsablegen austauschbar, indem wir Ausdrücke verwenden, die anders als unser eigenes Wesen geteilt werden und öffentlich zugänglich sind. 

Eine weitere Schwierigkeit ist die Bestimmung der einzelnen Einflüsse, die das individuelle Wesen eines Menschen geformt haben. Man kann zwar versuchen nachzuvollziehen, wo der eigene wann war, aber damit kann eine Person trotzdem nicht die gesamte Geschichte des ganzen Körpers, der auch durch Normen, Werte und viele andere äußerliche Einflüsse geformt ist, erzählen. In vielen Erinnerungen wird nur der Zustand des Geistes berücksichtigt und die Körperlichkeit außen vorgelassen. Butler fasst es mit den Worten zusammen: „To be a body is, in some sense, to be deprived of having full recollection of one’s life”[5]. Deshalb beinhaltet die erzählte Geschichte eines Individuums laut Butler, die an dieser Stelle Edward Keenan zitiert, immer eine „fabulous“ Komponente. Lacan drückt dasselbe Phänomen mit den Worten „fictional direction“ aus. Menschen können ihre eigene Geschichte in verschiedensten Weisen ausdrücken, und doch ist keine dieser Versuche, Rechenschaft über das eigene Wesen abzulegen, vollkommen wahr und realistisch.  Zudem fügt man jedes Mal, wenn man Rechenschaft über sich selbst ablegt, einen weiteren Baustein zu der eigenen Geschichte hinzu, über die man Rechenschaft ablegen soll:

„I am always recuperating, reconstructing, and I am left to fictionalize and fabulate origins I cannot know. In the making of the story, I create myself in new form, instituting a narrative ‘I’ that is superadded to the ‘I’ whose past life I seek to tell.[6]

 Erst im Nachhinein können Menschen Gesagtes oder Gedachtes reflektieren. Das bedeutet wiederum, dass sich Menschen, noch während sie Rechenschaft über sich selbst ablegen, weiterentwickeln und sogar neu formen können. Es entsteht ein Kreislauf der Selbstreflexion und -entwicklung, der bis zu einem gewissen Punkt mit dem hermeneutischen Zirkel vergleichbar ist.

Trotzdem scheint es möglich zu sein, dass wir Rechenschaft über uns selbst ablegen – immerhin tauschen sich Menschen tagtäglich aus und erzählen von sich selbst und ihrer eigenen Geschichte. Butler warnt aber davor, dass wir diese Fähigkeit überschätzen. Sie sagt kategorisch, dass ein Mensch letztlich die Erzählung seiner eigenen Geschichte ablegen kann, insbesondere mit Bezug auf den eigenen Ursprung, folglich auch nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. 

Insgesamt kann man die einleitende Frage, wer wir sind, laut Butler also nie vollständig beantworten. Dennoch ist es zumindest zu Teilen, beziehungsweise auf verschiedenen Wegen, möglich: „it may be that to have an origin means precisely to have several possible versions of the origin.“[7]  


[1] Judith Butler: Giving an Account of Oneself. New York, 2005, S. 36.

[2] Ebd., S. 36.

[3] Ebd., S.38.

[4] Ebd., S. 37.

[5] Ebd., S. 38.

[6] Ebd., S.39.

[7] Ebd., S.37.

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Das Andere auf sich zukommen lassen ../../../kurs-4/das-andere-auf-sich-zukommen-lassen/index.html ../../../kurs-4/das-andere-auf-sich-zukommen-lassen/index.html Thu, 27 Aug 2026 15:15:40 +0000 ../../../index.html

„Die abendländische Philosophie fällt mit der Enthüllung des Anderen zusammen; dabei verliert das Andere, das sich als Sein manifestiert, seine Andersheit. Von ihrem Beginn an ist die Philosophie vom Entsetzen vor dem Anderen, das Anderes bleibt, ergriffen, von einer unüberwindbaren Allergie.“ [1]

Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas stellt große Fragen in einer radikalen Sprache, wie das oben angeführte Zitat zeigt. Damit hinterfragt er die westliche Philosophietradition seit Descartes und praktisch die Gesamtheit der Ontologie. Er beobachtet dazu eine seit langem anhaltende Tendenz zur „Enthüllung des Anderen“ und fragt, wie es zu dieser Tendenz kommen kann.

Die angeführte „Enthüllung des Anderen“, in der „das Andere [] seine Andersheit verliert“ gehe auf den Wunsch zurück, Erfahrungen „in kategoriale Bestimmungen [zu] konvertieren“.[2] Mit anderen Worten: Durch Kategorisieren und Festlegen wird das Andere auf bestimmte Qualitäten reduziert. Die Aussage: Person A ist Musiker reduziert beispielsweise Person A auf eben jene Eigenschaft des Musikerseins. Dies kann schwerwiegende Folgen für das zwischenmenschliche Zusammenleben haben und Menschen einem Erwartungsdruck aussetzen. Personen werden in eine (vermeintlich) bekannte Kategorie gezwängt, was ihnen keinen Spielraum für andere Qualitäten und für die eigene Weiterentwicklung lässt. Beispielsweise würde Person A möglicherweise nur noch im Lichte des Musikerseins betrachtet werden, was sie dazu zwingen würde, dem Bild des Musikers zu entsprechen und ihr die Möglichkeit nähme, sich in anderen Bereichen zu entfalten.

„Die Philosophie ist vom Entsetzen vor dem Anderen ergriffen.“

Doch warum wollen sich Menschen trotz der Möglichkeit, sich zu irren, andauernd festlegen? Das fortlaufende Kategorisieren und Festlegen bieten uns Sicherheit, festen Boden unter den Füßen. Es versetzt uns in die Lage, mit unmöglichen Situationen umzugehen und diese vor allem nicht entstehen zu lassen, um die Illusion zu bewahren, Kontrolle über das Andere zu haben. Beispielsweise können wir festlegen: „Das ist ein Verbrechen“. Ohne diese Bestimmung wäre die Gesamtheit des Rechts und der Justiz unmöglich.

Aber die Welt ist komplexer als die Festlegungen, durch die wir sie einschränken. Wir unterschätzen die Unendlichkeit und die unbestimmte Fülle an Qualitäten, dass man selbst bei genauesten Beschreibungen, welche nichts anderes als Festlegungen darstellen, niemals das Andere ganz erschließen kann. Man erkennt: Hier ist nicht von denjenigen die Rede, die für das Andere keinen Sinn haben, sich ihm verschließen. Sie begnügen sich mit einer kleineren, kontrollierbaren Weltvorstellung, da sie gar nicht dazu kommen, die Unendlichkeit der Welt einzuschätzen. Aus Lévinas’ Perspektive könnte man nun vielleicht versuchen, etwas festzulegen, aber immer noch Möglichkeiten offen zu lassen. Beispiel:„Person A ist ein guter Tennisspieler, aber er könnte auch ein guter Koch sein.“ Doch auch der zweite Teil dieses Satzes schränkt ein.

Die Spannung zwischen dem Festlegen und dem Erhalten der Fülle des Anderen als Problem zu benennen, hat als Folge, die Spannung in irgendeiner Weise festzulegen. Bedeutet: Man komprimiert wieder bestimmte Qualitäten dieser Spannung.  Die genannte Festlegung vollzieht sich primär sprachlich, zumal in Wissenschaft und Philosophie, die auf das Definieren aus sind. Was also tun?

Bisher, also in der abendländischen Philosophiegeschichte, vor allem seit Descartes, ging unser Bewusstsein, unser Versuch des Verstehens des Anderen immer von unserem Ich aus, doch das Andere kommt auf einen zu, insofern man es lässt. Dies stellt einen radikalen Bruch mit der Tradition der westlichen Philosophie dar, welche stets versucht hat, das Bewusstsein des Ichs zum Anderen auszubreiten, um letztlich jedoch wieder zurück zum Ich zu kehren. Lévinas illustriert diese Neigung mit dem Beispiel Odysseus: „durch alle Abenteuer hindurch findet sich das Bewusstsein als es selbst wieder, es kehrt zu sich zurück wie Odysseus, der bei allen seinen Fahrten nur auf seine Geburtsinsel zugeht.“[3]

Einerseits stellt Lévinas’ Theorie also eine Ethik dar, da sie sich auch um die Frage dreht: „Wie lasse ich mich ansprechen von dir?“; was dazu führt, dass es auch um die Frage: „Wie lasse ich mich ansprechen von der Welt?“ geht. Lévinas will nicht mehr wissen, was die Welt ist, er prüft die Voraussetzungen dafür, dass mich die Welt anders anspricht, als ich das erwarte. Damit wird aus der Ontologie eine Ethik. Sowohl zwischenmenschliche Beziehungen als auch die Beziehung zwischen Menschen und Umwelt, beides Iterationen des Anderen, lassen sich demnach durch Lévinas Hilfe in einem neuen Licht betrachten.


[1] Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen: Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, übers., hrsg. u. eingel. v. Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg: Alber, 1983, S. 211

[2] Ebd. S. 215.

[3] Ebd. S. 211.

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Interview – Ein Bezug zu Koselleck ../../../kurs-4/interview-ein-bezug-zu-koselleck/index.html ../../../kurs-4/interview-ein-bezug-zu-koselleck/index.html Thu, 27 Aug 2026 14:59:29 +0000 ../../../index.html
Ein Interview zwischen zwei Kursteilnehmenden

Claudius: Hi Leana, könntest du mir bitte kurz helfen, diesen Text von Koselleck zu verstehen?

Leana: Ja, klar. Schieß los!

Claudius: Reinhart Koselleck war ja ein bedeutender Historiker des 20. Jahrhunderts, der untersuchte, wie man über Geschichte sprechen kann. In seinem 1979 erschienenen Werk „Vergangene Zukunft – Zur Semantik verschiedener Zeiten“ beschäftigt er sich unter anderem mit der Begriffs- und Sozialgeschichte. Was ist das eigentlich?   

Claudius: Und wie hängen die beiden Disziplinen zusammen?

Leana: Die Begriffs- und Sozialgeschichte sind nicht vollständig voneinander trennbar und die eine lässt sich nicht auf die andere reduzieren. Sie stehen in ebenjenem „Spannungsverhältnis“[2] wie die Gesellschaft und ihre Begriffe, denn eine Gesellschaft ist nicht bloß eine homogene Sprachgemeinschaft; sie besteht aus mehreren Teilen, die einen fortwährenden Kampf um Benennungen führen. Ebenso können Individuen verschiedene Assoziationen mit denselben Begriffen haben. Ein aktuelles Beispiel hierzu wäre die Gender-Debatte.

Claudius: Könntest du das bitte auch anhand eines historischen Beispiels erklären?

Leana: Koselleck erklärt dies mit einer Aussage eines preußischen Staatsmanns, Hardenberg im Zeitraum nach der französischen Revolution. Hardenberg forderte darin, dass die alte, hierarchische Standesgesellschaft durch eine anhand ökonomischer Faktoren geordneten Klassengesellschaft ersetzt wird. So verwendet er erstmals den Begriff „Staatsbürger“. Heute ist uns dieses Wort völlig vertraut und Teil unserer Lebensnormalität. Doch damals war es ein Kampfbegriff, der sich gegen die Obrigkeit richtete und die Gleichheit aller innerhalb des Staates forderte. In diesem Beispiel gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen der heutigen und der damaligen Bedeutung des Begriffs „Staatsbürger“[3].

Claudius:  Was bedeutet das für unser Kursthema Missverständnisse?

Leana: Bei der Arbeit mit historischen Texten muss einem bewusst sein, dass die verwendeten Begriffe im Kontext der Entstehung anders aufgeladen waren. Grund dafür ist, dass Autor und Historiker in unterschiedlichen Zeiten leben und damit auch durch verschiedene Lebensrealitäten, Beziehungen und Perspektiven geprägt wurden. Deshalb verbinden sie mit denselben Begriffen Unterschiedliches. Aufgrund des Irrtums, dass dies nicht so sei, entstehen dann Missverständnisse.

Claudius: Wie lässt sich das auf unser Alltagsleben anwenden?

Leana: Missverständnisse können nicht nur bei der Deutung alter Texte aufkommen, sondern auch in alltäglichen Situationen. Ein Beispiel hierfür wäre, dass meine Großmutter bestimmte Begriffe anders aufnimmt als ich, da sie in einer anderen Zeit aufgewachsen ist. Dies lässt sich auch auf die vielen Subkulturen und Bubbles, unserer Gesellschaft ausweiten. Wenn diese davon ausgehen, dass sie mit den gleichen Begriffen das gleiche assoziieren, kommt es zum Missverständnis, da dem nicht so ist.

Claudius: Koselleck spricht auch vom „Erfahrungsgehalt“ und „Erwartungshorizont“. Was versteht er unter diesen Begriffen?

Leana: „Zunehmend wurden Zukunftsbegriffe geprägt, erst künftig zu erringende Positionen mussten sprachlich vorformuliert werden, um überhaupt bezogen oder errungen werden zu können. Der Erfahrungsgehalt vieler Begriffe wurde dadurch geringer, der darin enthaltene Anspruch auf Verwirklichung größer. Erfahrungsgehalt und Erwartungsraum kommen immer weniger zur Deckung.“[4]  Daraus folgt, dass die Differenz zwischen den beiden Begriffen in der Neuzeit immer weiter anwuchs und dass es nicht mehr garantiert ist, dass die Zukunft der Vergangenheit ähneln wird, da sich unsere Vorstellung der Zukunft immer stärker von dem Erfahrenen entfernt. Das ist eine von Kosellecks zentralen Thesen.

Claudius: Vielen Dank! Jetzt habe ich das Thema viel besser verstanden.

Leana: Sehr gerne.


[1] Reinhart Koselleck, „Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte“, in: Vergangene Zukunft. Zur Seman­tik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1979, S. 107.

[2] Ebd. S.108.

[3] Ebd. S.110.

[4] Ebd. S. 113.

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Ein erlebtes Missverständnis ../../../kurs-4/ein-erlebtes-missverstaendnis/index.html ../../../kurs-4/ein-erlebtes-missverstaendnis/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:45:55 +0000 ../../../index.html

Auf der der Deutschen SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026 beschäftigte sich der Kurs 1.4 in vielen Formen – wie Übungen, Anwendungen an Beispielen, szenischen Darstellungen oder der Untersuchung kleinster Wortbedeutungsunterschiede und anhand theoretischer Texte – mit Missverständnissen. Neben dem Diskutieren und Lesen über Missverständnisse geschahen den Teilnehmer*innen aber auch mehrere eigene Missverständnisse. Das im Folgenden beschriebe Missverständnis zeigt, dass auch der Missverständnis-Kurs – trotz intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema – nicht immun ist.

Das Missverständnis entstand aus zwei zunächst unabhängigen Situationen. Die eine davon war die Übernachtung einiger Teilnehmer*innen außerhalb ihrer WGs. Aus Angst, dafür bestraft zu werden, schrieb die Gruppe einen Zettel: „besondere KüA (Kursübergreifende Aktion) um 0:30 Uhr.“ Diesen wollten sie im Nachhinein am „Schwarzen Brett“, an welchem KüAs angemeldet wurden, aushängen. Zur selben Zeit traf sich auch der Kurs 1.3, um Kurs 1.4 einen kleinen Streich zu spielen. Die Teilnehmenden von 1.3 stapelten im Kursraum von 1.4 Stühle und Tische aufeinander, hinterließen Notizzettel mit provokanten Bemerkungen und stahlen das Kursmaskottchen „Waschbärndt Bärnadette Missbärständnis.“ Dabei versuchten sie, es so wirken zu lassen, als wäre Kurs 1.5 schuld am Streich, indem sie einige ihrer Notizzettel auf Englisch schrieben oder z. B. Nachrichten wie „Englisch ist sowieso besser“ hinterließen. Beim Frühstück am folgenden Morgen sah einer der Kursleiter von 1.4 zufällig den Zettel der Übernachtungs-Gruppe auf dem Tisch neben einem Teilnehmer aus Kurs 1.2 liegen. Als der Kurs 1.4 dann seinen Kursraum betrat, war er zuerst schockiert. Doch nachdem die Teilnehmer*innen und Kursleiter schnell aufgeräumt hatten, waren sie voller Energie und Reaktionslust. Der Kursleiter, der zuvor den Zettel gesehen hatte, dachte, es handele sich bei der „besonderen KüA“ um den Streich und verkündete seinem Kurs stolz, er wisse, wer der Täter war. Also zentrierte sich die Gegenreaktion auf den Teilnehmer aus 1.2, neben dem er den Zettel gesehen hatte. Erst später am Tag klärte sich das Missverständnis auf, als der Kurs seinen Kursleiter genauer nachfragte, was denn genau auf dem Zettel stand, und ein Teilnehmer, der davon Kenntnis hatte, die Umstände der Übernachtung daraufhin mit der Gruppe teilte.

Nun kann man sich damit auseinandersetzen, wie dieses Missverständnis entstand. Aufgrund der aus der Reaktionslust entstandenen Eile befasste sich der Kurs nicht allzu genau mit der Argumentation hinter der Beschuldigung. Der Kursleiter hatte den Zettel außerhalb des Kontextes gesehen und dann schnell eine Annahme getroffen. Diese Annahme interpretierten die Teilnehmer*innen des Kurses dann aber als Fakt statt als ebendiese.

Um diesen Umstand besser nachvollziehen zu können, können wir den Text „Logic and Conversation“ von Herbert Paul Grice anwenden, der zuvor im Kurs besprochen wurde[1]. In diesem stellt der Philosoph das von ihm sogenannte „Cooperative Principle“[2] vor, welches sich wiederum auf vier Maximen stütze. In dem beschriebenen Missverständnis wurden einige davon missachtet. So besagt eines der vier, von ihm bezeichnet als „Quantity[3]dass man nie zu viel oder zu wenig Informationen teilen solle. Diese Maxime missachteten sowohl der beschuldigte Teilnehmer als auch der ihn beschuldigende Kursleiter. Der Erstere gab nicht genügend Information auf dem Zettel, den er geschrieben hatte. Die Formulierung „besondere KüA“ war zu interpretationsoffen. Wohlgemerkt handelt es sich hier aber um eine absichtliche Missachtung, da der Teilnehmer seine tatsächlichen Aktivitäten nicht preisgeben wollte. Für die von ihm intendierten Leser missachtete er die Maxime nicht; aus Sicht des Kursleiters jedoch schon. In Bezug auf ihn hatte der Teilnehmer kein Interesse daran, kooperativ zu kommunizieren. Der Kursleiter hingegen missachtete diese Maxime, als er seinem Kurs nicht genau vermittelte, was auf dem Zettel stand und sie deshalb zu falschen Schlüssen kommen ließ.

Des Weiteren missachtete der Kursleiter auch die Maxime der „Quality“, zu welcher Grice erläutert: „Do not say that for which you lack adequate evidence.“[4] Der Zettel an sich lieferte keine hinreichenden Beweise, dass der Teilnehmer, der ihn geschrieben und bei sich getragen hatte, auch für den Streich zu verantworten war. Dennoch teilte der Kursleiter die Vermutung mit dem Kurs und ließ sie als sicheres Indiz stehen.

In der eiligen Situation geriet den Beteiligten die Befolgung der Maxime außer Sicht. Der Kurs bewahrte keinen klaren Kopf, sondern versuchte, schnellstmöglich zu handeln. Dies gelang ihm zwar, ging aber auf Kosten einer strukturierten Überlegung und Auswertung der vorliegenden Fakten, die eventuell zur Beschuldigung der wirklich verantwortlichen Personen geführt hätte. Der Kurs konnte seine Fehler aber erst im Nachhinein erkennen und reflektieren. Dadurch brachte dieses Missverständnis dem Kurs nicht nur eine Abwechslung im theoretischen Kursgeschehen und Freude an ein paar kleinen Späßen, sondern auch eine gute Chance, das Gelernte an einem praktischen, der Realität entsprungenen Beispiel anzuwenden und sich dadurch noch tiefgründiger damit auseinanderzusetzen.


[1] Vgl. Herbert Paul Grice, „Logic and Conversation“, in:  P. Cole, J. L. Morgan, Syntax and semantics 3: Speech Acts, New York 1975, S. 41–58, hier S. 41–50.

[2] Ebd. S.45

[3] Ebd. S.45

[4] End. S. 45-46

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In welchem Verhältnis stehen Handeln und Missverstehen? ../../../kurs-4/in-welchem-verhaeltnis-stehen-handeln-und-missverstehen/index.html ../../../kurs-4/in-welchem-verhaeltnis-stehen-handeln-und-missverstehen/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:29:52 +0000 ../../../index.html

Missverständnisse begegnen einem in vielfältigen Situationen des alltäglichen Lebens. Sie kommen auf, wenn Äußerungen, Handlungen oder Verhaltensweisen von den beteiligten Personen unterschiedlich wahrgenommen oder interpretiert werden. Dabei stellt sich die Frage, auf welche Weise Handlungen aufgenommen und gedeutet werden und wie sich die Rolle gestaltet, die sie bei der Entstehung und Entwicklung von Missverständnissen spielen. Dieser Blogbeitrag geht darum der Frage nach, wie Handlungen und Missverständnisse in Beziehung zueinander stehen, um diese besser zu verstehen.

Als Grundlage für die Untersuchung dient §17 Handeln aus dem vierten Kapitel „Freiheit in Günter Figals Werk „Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie“. Figal setzt sich darin mit dem menschlichen Handeln und der Handlungsfreiheit auseinander. Seine Überlegungen bieten einen Ausgangspunkt, um den Zusammenhang zwischen Handlungen und Missverständnissen näher zu betrachten. Auf dieser Basis soll untersucht werden, inwiefern Handlungen unterschiedlich verstanden werden können und welche Bedeutung die Freiheit hat.

Bevor diese Frage jedoch beantwortet werden kann, muss verstanden werden, was „Handeln“ für Figal grundsätzlich bedeutet. 

Figal unterscheidet dazu zwischen Tun und Handeln. Ersteres enthält ausschließlich die reine Ausführung, die erst in Kombination mit Absicht, Plan und Ziel zu einer Handlung wird. Denn er betont es als [e]in Verhalten, in dem man etwas erreichen will“[1]. Einer Handlung muss immer ein Ziel zugrunde liegen, welches außerdem bewusst zur Kenntnis genommen worden sein muss, um es nicht als Tun, sondern als Handeln zu bezeichnen.

Taten wie unbewusstes Blinzeln oder Schluckauf sind demnach keine Handlungen, da sie unbeabsichtigt geschehen. Entscheidend ist somit nicht allein die äußerlich wahrnehmbare Bewegung, sondern die Bedeutung, die ihr durch die Motivation des Handelnden zukommt. Dadurch wird deutlich, dass Handlungen immer auch aus der Perspektive des Handelnden betrachtet werden müssen. Für das Verständnis einer Handlung reicht es daher nicht aus, lediglich zu beobachten, was eine Person tut; vielmehr muss auch berücksichtigt werden, warum sie es tut. 

Diesen Aspekt bezeichnet Günter Figal als Absicht. Diese steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel einer Handlung: Die Absicht beschreibt, warum man eine Handlung ausführt, das Ziel hingegen, was durch sie erreicht werden soll. Die Absicht kann somit als Ausgangspunkt verstanden werden, aus dem sich ein Ziel und schließlich eine Handlung ergibt.

Allerdings ist die Absicht für das Gegenüber nicht notwendigerweise unmittelbar erkennbar. Dieses kann lediglich das tatsächliche Tun wahrnehmen und muss daraus selbst auf die Absicht schließen. Dabei kann es vorkommen, dass eine Handlung anders verstanden wird, als sie vom Handelnden beabsichtigt war. Besonders problematisch wird dies, wenn ein Verhalten, das vom Handelnden als Handlung mit einer bestimmten Absicht verstanden wird, von einer Person lediglich als Tun wahrgenommen wird und umgekehrt. 

Um ein Beispiel von Clifford Geertz aufzugreifen: Zwinkert eine Person einer anderen bewusst zu, um zu flirten, und wird dies jedoch von der beobachtenden Person als unbeabsichtigtes Tun wahrgenommen und damit als unbedeutend, kann dies zum Missverständnis führen, da der/die Zwinkernde sich ignoriert fühlt und das Ausbleiben einer Reaktion als Zeichen von Desinteresse versteht.[2]

Die unterschiedliche Deutung von Absicht oder Ziel kann somit dazu führen, dass eine Handlung missinterpretiert wird und daraus ein Missverständnis entsteht. Die Absicht bildet daher eine entscheidende Verbindung zwischen dem bloßen Tun, dem bewussten Handeln und der Frage, wie eine Äußerung von Anderen verstanden wird.

„Was Freiheit ist, weiß man und weiß man doch nicht“[3], erkennt Günter Figal. Der Begriff der Freiheit bezeichnet dabei zunächst ein Verhältnis. Laut Figal kann man „frei von“ etwas oder „frei für“ etwas sein. Freiheit beschreibt somit nicht lediglich einen Zustand, sondern immer auch eine Beziehung zu bestimmten Bedingungen oder Möglichkeiten. Freiheit ist also eng mit der Möglichkeit verbunden, sich für etwas zu entscheiden und etwas zu beginnen. 

Entscheidend ist hierbei die von Kierkegaard beschriebene „Möglichkeit zu können4. Freiheit bedeutet demnach nicht nur, zwischen bereits feststehenden Möglichkeiten auswählen zu können, sondern zunächst überhaupt die Möglichkeit zu haben, etwas zu tun. Gerade darin zeigt sich die enge Verbindung zwischen Freiheit und Handeln. Wer frei handelt, ist nicht lediglich der Ausführende eines vorgegebenen Geschehens, sondern besitzt die Möglichkeit, selbst etwas anzufangen und dadurch eine Handlung in Gang zu setzen. Die Frage nach Freiheit ist deshalb für das Verständnis des Handelns von besonderer Bedeutung, da jede Handlung voraussetzt, dass eine Person überhaupt die Möglichkeit hat, etwas zu tun oder auch nicht zu tun.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass jedes Missverstehen Handlungscharakter hat. Grund dafür kann sowohl eine Unklarheit der Absicht als auch eine fehlende Eindeutigkeit der Ziel- oder Plandefinition sein.

Handlungen sind durch Absichten gelenkt, und diese zu verstehen, ist ein Anspruch, dem man nie vollständig gerecht werden kann. Denn selbst für die Absichten hinter den eigenen Handlungen kann man nur Spekulationen aufstellen. Hier kann nie ein endgültiges Ergebnis gefunden werden. Umso schwieriger ist es dementsprechend, die Motivation seines Gegenübers zu erkennen, selbst wenn dieser seine Absicht in seinen Augen überaus explizit zum Ausdruck bringt. Hier stellt sich wiederum die Frage, warum er versucht, seine Absicht unmissverständlich zu implizieren. Wird dem Handelnden nun eine andere Absicht unterstellt, oder wird eine unbeabsichtigte Handlung als beabsichtigt wahrgenommen, kann dies zu Missverständnissen führen. Wenn eine Person beispielsweise blinzelt, ein reines Tun ohne Absicht, kann eine andere Person die Absicht unterstellen, dass es ein flirtendes Zwinkern sein sollte, obwohl es in Realität ein Blinzeln ohne jegliche Intentionen war.

Ähnlich funktioniert es auch, wenn unter mehreren Parteien nicht eindeutig abgesprochen ist, wie man vorgeht (Plan), um ein gemeinsames Ergebnis (Ziel) zu erreichen. Haben beispielsweise zwei Schüler*innen den Auftrag, ein in Partnerarbeit erarbeitetes Thema vorzubereiten, um es den Mitschüler*innen näherzubringen, so ist es ein Problem, wenn eine Powerpoint-Präsentation erstellt wird, aber andererseits eine mündliche Zusammenfassung vorbereitet wird. Hier liegt eine Diskrepanz in der Zieldefinition vor. Auch eine Unklarheit in der Plandefinition könnte entstehen, wenn nun eine/einer der zwei Schüler*innen seinen Teil des Auftrags selbstständig zuhause erledigt und der/die andere davon ausgeht, sie würden sich vor dem Abgabetermin zu zweit treffen, um es gemeinsam auszuarbeiten.

Der Umgang mit Missverständnissen ist stets ein zielgerichtetes Handeln. Die strengere Praxis“ nach Friedrich Schleiermacher besagt, „daß sich das Missverstehen von selbst [ergebe] und das Verstehen auf jedem Punkt [müsse] gewollt und gesucht werden“[4]. Auch hier müssen eine klare Absicht und ein definiertes Ziel – und somit eine Handlung – vorliegen, um Missverständnisse vorzubeugen oder sie als solche zu erkennen.

Vor diesem Hintergrund kann man sich abschließend die Frage stellen, inwiefern Missverständnisse denn vermeidbar sind. Absichten können nicht erkannt werden, es kann gar nicht jedes Verhalten frei gesteuert werden und jede Fehlinterpretation kann als Folge ein Missverständnis mit sich bringen.


[1] Vgl. Günter Figal, Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie, Kapitel 4, §17, S. 184

[2] Vgl. Clifford Geertz, The Interpretation of Cultures, S.6

[3]Figal, S. 183

[4] Friedrich Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik, 16., S.92

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Was ist Sprache? Was hat sie mit Missverständnissen zu tun? Was kann Sprache überhaupt und warum? ../../../kurs-4/was-ist-sprache-was-hat-sie-mit-missverstaendnissen-zu-tun-was-kann-sprache-ueberhaupt-und-warum/index.html ../../../kurs-4/was-ist-sprache-was-hat-sie-mit-missverstaendnissen-zu-tun-was-kann-sprache-ueberhaupt-und-warum/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:15:45 +0000 ../../../index.html

Kommunikation ist ein zentraler Aspekt von Missverständnissen. Daher müssen grundsätzliche linguistische Theorien, die sich dem Thema widmen, genauer betrachtet werden. Ferdinand de Saussure, ein Linguist, John L. Austin, ein Sprachphilosoph und Jacques Derrida, ein Philosoph, setzten sich auf unterschiedliche Weise mit der grundlegenden Frage auseinander, wie Sprache funktioniert, was durch sie möglich wird und wo ihre Grenzen liegen.

Saussure kritisierte die Vorstellung, dass die Verbindung von einem Ding und einem Wort zur Erklärung der Natur des sprachlichen Zeichens reiche. Er wollte das sprachliche Zeichen deshalb neu definieren. Durch die Verknüpfung von Lautbild (Signifikant/signifiant) und der Vorstellung (Signifikat/signifié) gelingt ihm dies.[1] Das Wort „Baum“ bezeichnet dabei nicht einfach einen konkreten „Baum“, sondern ist mit einer kulturell und sprachlich geprägten Vorstellung von einem „Baum“ verbunden. Dadurch wird deutlich, dass Bedeutung nicht unmittelbar aus einem Gegenstand entsteht, sondern durch die sprachliche und kulturelle Prägung des Zeichens bestimmt wird. Somit entstehen verschiedene Perspektiven, da jeder eine andere Vorstellung besitzt. Die eigene Vorstellung wird jedoch oft verallgemeinert und es entstehen Missverständnisse, da wir andere mögliche Interpretationen unbewusst ausschließen und nur von unserer eigenen Vorstellung ausgehen. Doch wie führt die Vorstellung und das Lautbild dann zu einem Wort? Im Laufe der menschlichen Entwicklung konnte die Zuordnung von Vorstellungen und Lautbildern dadurch begünstigt worden sein, dass eine gemeinsame und verständliche Verständigung nach einem Zweck, einen Vorteil für das Zusammenleben und die Kommunikation darstellt.

Saussure betont, dass die arbiträre (willkürliche) Verbindung zwischen Signifikanten und Signifikaten nicht natürlich notwendig sei. Zudem kommt der charakteristische Aspekt hinzu, dass ein sprachliches Zeichen seine Bedeutung nicht isoliert besitzt, sondern durch seine Beziehung zu anderen Zeichen erhält. Somit bildet eine Sprache ein Netz von Differenzen und nicht nur eine Sammlung von Dingen. Dabei unterscheidet Saussure außerdem zwischen langue“und „parole“.[2] Die langue“ bezeichnet das gemeinsame System aus Grammatik, Wortschatz, Regeln und Konventionen. Die parole“bezeichnet dagegen den konkreten, individuellen Sprachgebrauch. 

An diesem Punkt setzt auch J. L. Austin an. Er betrachtet Sprache jedoch aus einer anderen Perspektive. Während bei Saussure vor allem die Struktur und Bedeutung sprachlicher Zeichen im Mittelpunkt stehen, fragt Austin danach, was durch eine konkrete Äußerung geschieht.

J. L. Austin unterscheidet in Bezug auf Sprache zunächst zwischen zwei Arten von Sätzen. Der eine Satz ist konstativ und kann somit wahr oder falsch sein; solche Sätze stellen etwas fest.   Beispielsweise „Die Sonne scheint“ oder „Die 1. Kursschiene beginnt um 9 Uhr“.  Der andere Satz ist performativ; dies sind Handlungen. Dabei wird durch das Aussprechen selbst eine Handlung vollzogen. Diese Handlung kann nun gelingen oder misslingen. Ein Beispiel hierfür könnte sein „Ich verspreche es dir“ oder „Ich entschuldige mich“. Es geht in dieser Art von Sätzen also nicht primär um den Wahrheitsgehalt.[3]

Dafür müssen mehrere Bedingungen zutreffen: Die Rolle der sprechenden Person muss zur Situation passen. Nur durch passende Rahmenbedingungen kann ein gelungenes Gespräch beim Gegenüber ankommen. Wenn beispielsweise eine Privatperson auf der Straße nun eine Eheschließung zwischen wahllosen Passanten erklären möchte, würde der Sprechakt misslingen, weil die institutionelle Zuständigkeit und der passende Rahmen fehlen würden. Außerdem müssen die Handlungen ernsthaft und vollständig ausgeführt werden. Das Missverständnis wird in diesem Beispiel von einem sprachlichen zu einem pragmatischen Problem, denn es geht darum, welche Handlungen unter welchen Umständen vollzogen werden. Für Austin ist dabei die Absicht des Sprechers wichtig, aber nicht allein entscheidend. Auch die Reaktion des Gegenübers, die Umstände und beispielsweise die Glaubwürdigkeit des Sprechers können eine Rolle spielen.

Um die Natur des Sprechaktes genauer zu erfassen, entwickelte er eine Dreiteilung: Der Erste ist der lokutionäre Akt und er besteht darin, überhaupt einen sprachlich geformten Satz zu äußern. Dazu gehören Laute, Wörter, Grammatik und wörtlicher Sinn. Im selben Zuge findet der illokutionäre Akt statt. Er bezeichnet die Handlung bzw. die Handlungsabsicht, die mit dem Sprechen vollzogen werden soll. Dabei geht es nicht nur darum, was wörtlich gesagt wird, sondern auch darum, wie die Äußerung in der jeweiligen Situation gemeint ist. So kann der Satz „Das Fenster ist offen“ beispielsweise eine Feststellung, eine Aufforderung, einen Vorwurf oder einen Hinweis darstellen. Die daraus entstehende Wirkung, die die Äußerung beim Hörer hervorruft, nennt Austin den perlokutionären Akt. Somit kann dieses Erklärungsmodell auch seine Grenzen erreichen, wenn das Gesagte beim Sprecher zwar „ankommt“, aber keine weiteren Folgen hat.[4]  

Missverständnisse können entstehen, wenn Sprecher und Hörer diese Ebenen unterschiedlich in Bezug bringen. Dies entsteht z. B., wenn die Wirkung auf den Verstehenden nicht mit der Absicht des Redenden übereinstimmt.

Der französische Philosoph Jacques Derrida stellt die These auf, dass jedes Zeichen eine neue Bedeutung ermöglicht, da die Verweisung innerhalb der Zeichen nie endet.[5] Diesen Gedanken teilte auch schon Saussure. Derrida vertieft dieses Modell. Er behauptet die Bedeutung eines Wortes ist niemals vollständig gegen neue Kontexte abgeschlossen, sondern nur durch seine Differenz zu anderen Zeichen.

Ein wesentlicher Grundzug sei nach Derrida, dass keine Bedeutung identisch in sich selbst abgeschlossen ist. Derrida bezeichnet diesen Gedanken mit dem Begriff différance”[6], der sowohl den Unterschied als auch den Aufschub von Bedeutung bezeichnet. Denn er schreibt das Wort mit einem „a“ anstatt von einem „e“.[7] Diese unterschiedliche Bedeutung des Wortes wird nur in der Schrift sichtbar. Dadurch will er zeigen, dass die Bedeutung eines Wortes nicht nur aus dem Gesprochenen entsteht, viel mehr aus der Schrift, der Spur und der Differenz zwischen Zeichen. Somit macht Derrida deutlich, dass Sprache immer offen und unvollständig bleibt, sie entwickelt sich immer weiter. Derrida betont außerdem die Wiederholbarkeit (Iterabilität) von Zeichen. Ein Zeichen muss wiederholbar sein, damit es überhaupt als Zeichen funktionieren kann. Dennoch beruht die Möglichkeit der Verständigung und die Möglichkeit des Missverständnisses auf derselben Eigenschaft, der genannten Iterabilität des Zeichens. 

Saussure behauptet also, die Sprache sei ein System von Zeichen, welches Struktur durch Differenzen bietet. Austin geht genauer auf die Form des Handelns ein, und Derrida sagt Sprache sei ein Spiel von Differenzen, Verschiebung und Wiederholbarkeit.

Im Hinblick auf Missverständnisse bildet die Sprache also nicht nur ab, sie wirkt und bleibt offen. 

Anhand dieser drei vorgestellten Methoden wurde versucht, die zu Kursbeginn formulierten Forschungsfragen neu zu beleuchten. Diese waren:

  1. Auf welcher Ebene können Missverständnisse entstehen?
  2. Was können wir für uns schließen im Hinblick auf Missverständnisse?
  3. Wie kommuniziere ich vor, während und nach einem Missverständnis?
  4. Bringen uns Missverständnisse weiter?

Es wurde festgestellt, dass die Fragen teilweise genauer definiert werden müssen, z. B. die Frage: Welche Ebenen sind eigentlich gemeint? Hier ist die Bedeutung der Ebenen noch lückenhaft. Zudem wurde bemerkt, dass eine gewisse Akzeptanz und Toleranz notwendig sind, um die willkürlich gewählten Wortbildungen zu verstehen und in seinen Sprachgebrauch zu integrieren. 

Bei der Anwendung dieser drei Methoden auf die von den Teilnehmenden mitgebrachten Missverständnisse wurde festgestellt, dass 

1. alle Methoden bedingt nutzbar sind, da sie einige Aspekte erklären können und für      andere ungeeignet sind. So kann z. B. die Sprechakttheorie nicht auf Situation angewendet werden, in denen nicht gesprochen wird. 

2. Jede Methode hat Grundannahmen, die jedoch nicht unbedingt ausgesprochen werden. So erwähnt Austin nicht ausdrücklich beim Sprechaktmodell, dass es ihm       hierbei nur um die gesprochene Sprache geht. 

3. Obwohl es beim Sprechakt um die Wirkung auf beide Gesprächspartner gehen sollte,   wird immer von dem einen Sprecher ausgegangen. Dies stellt auch eine starke   Schwäche des Modells da, weil es eigentlich um Gegenseitigkeit geht und nicht nur um   die Reaktion des Gegenübers, die als Wirkung gedeutet wird. 

4. Da die Theorien sich in einer ständigen Entwicklung befinden, werden auch Austins     Denkansätze in Frage gestellt. So denken andere darüber nach, ob nicht Lücken       vorhanden sind oder ob die Situation aus einer anderen Perspektive ganz anders wirkt. 

So entsteht letztlich keine einzige, abschließende Antwort darauf, was Sprache eigentlich ist. Vielmehr zeigen die drei Ansätze unterschiedliche Dimensionen von Sprache und können uns helfen Missverständnisse zu analysieren.


[1] Vgl. Ferdinand de Saussure: Die Natur des sprachlichen Zeichens – Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit des Zeichens, in: ders.: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, (frz. Originalausgabe 1916), Berlin 1967, S. 76–93.

[2] Vgl. Ebd. Ferdinand de Saussure.

[3]   Vgl. J. L. Austin: Lecture 1, in ders.: How to do things with words, Cambridge 1962.

[4] Vgl. Ebd  J. L. Austin.

[5] Vgl. Jacques Derrida: Die différance. In: Randgänge der Philosophie. Passagen, Wien, S. 29–52 (frz. „La différance“, in: Marges de la philosophie. Paris: Minuit 1972.

[6] Ebd. S. 29–52.

[7] Ebd. S. 29–52.

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Wie lassen sich Missverständnisse vor, während und nach ihrer Entstehung beeinflussen? ../../../kurs-4/wie-lassen-sich-missverstaendnisse-vor-waehrend-und-nach-ihrer-entstehung-beeinflussen/index.html ../../../kurs-4/wie-lassen-sich-missverstaendnisse-vor-waehrend-und-nach-ihrer-entstehung-beeinflussen/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:06:41 +0000 ../../../index.html


Der Kurs verfolgte unter anderem das Ziel, Einblicke in das Verhalten von Personen vor, während und nach dem Entstehen von Missverständnissen zu gewinnen. Die Missverständnisse wurden dabei so präzise wie möglich im Stil des Theaters nachgestellt.


Die Teilnehmer versammelten sich auf dem Schulhof und stellten sich als Testpersonen mehreren Herausforderungen, bei denen sie sich ohne Worte physisch in verschiedenen Kategorien anordnen sollten, etwa nach dem Alter. Ziel der einzelnen Testdurchläufe war es, ohne jede gesellschaftlich etablierte Form der Kommunikation zu einer gemeinsamen Lösung zu gelangen. Die Aufgaben wurden dabei zunehmend anspruchsvoller: Zu Beginn sollte sich die Gruppe der Größe nach aufstellen, anschließend nach dem Geburtsjahr, und in der letzten Aufgabe entsprechend dem Geburtsort. Während bei den ersten beiden Aufgaben eine einfache Reihe gebildet wurde, entstand bei der letzten Aufgabe aus den Teilnehmenden eine Art Deutschlandkarte.


Daraus ließ sich ableiten, dass Missverständnisse besonders dann entstehen, wenn verbale Kommunikation ausgeschlossen ist und Beteiligte zu schnell zu einem Ergebnis gelangen möchten, ohne die gewählte Lösung noch einmal zu hinterfragen. Besonders herausfordernd war es, sich ohne gesprochene Sprache oder allgemein bekannte Zeichen auf ein gemeinsames Konzept zur Veranschaulichung zu einigen. Bei der Einordnung nach Geburtstag etwa waren sich die Teilnehmenden zunächst uneinig, ob links Januar oder Dezember stehen sollte; bei der Deutschlandkarte musste zunächst geklärt werden, wo Norden, Süden, Osten und Westen liegen sollten. Da unterschiedliche strukturelle Lösungsansätze aufeinandertrafen, beanspruchte die Einigung auf eine gemeinsam akzeptierte Ordnung zusätzliche Zeit.


Einen weiteren aufschlussreichen Versuch stellte ein Rollenspiel dar. Die Teilnehmenden hatten im bisherigen Kursverlauf konkrete Missverständnisse gesammelt und gemeinsam analysiert. Ziel war es nun, selbst erdachte oder erlebte Missverständnisse aus dem Alltag möglichst originalgetreu zu rekonstruieren und anschließend so einzugreifen, dass sie gar nicht erst entstehen. Ein besonders anschauliches Beispiel war ein Restaurantbesuch in Frankreich: Die dargestellten Gäste begrüßten das Personal beim Eintreten auf Französisch mit „Bonjour”, woraufhin die Bedienung annahm, die Gäste seien französischsprachig, und ihrerseits auf Französisch antwortete. Dies erwies sich als Missverständnis, da die Gäste zwar den Gruß beherrschten, jedoch nicht weiter auf Französisch kommunizieren konnten. Nachdem die Gruppe diese Szene vorgeführt hatte, griffen die Zuschauer beim erneuten Durchspielen aktiv ein, um die Situation so zu verändern, dass das Missverständnis gar nicht erst entstand. Daran zeigte sich, dass sich Situationen im Nachhinein deutlich leichter analysieren lassen, und es wurde ersichtlich, wie sich Missverständnisse beheben lassen. Die Beeinflussung solcher Missverständnisse in der jeweiligen Situation selbst erwies sich hingegen als deutlich schwieriger, da viele Missverständnisse spontan entstehen und sich kaum vorhersagen lassen. Da an verschiedenen Stellen eingegriffen werden kann, wurde deutlich, dass der genaue Beginn eines Missverständnisses oft nicht eindeutig zu bestimmen ist.


Ein weiterer Untersuchungsschritt bestand darin, zu analysieren, wie sich eine Situation nicht nur vor oder während, sondern auch nach einem Missverständnis noch verändern lässt. Aufschlussreich war hier der Einblick in eine andere Gruppe, die ein Missverständnis zwischen Familienmitgliedern behandelte: Es kam zum Streit, weil eines der Kinder nicht das gewünschte Getränk erhielt. In diesem Beispiel ging es um Schlichtung. Daraus ließ sich ableiten, dass eine Situation nicht zwangsläufig nur von den unmittelbar Beteiligten eines Missverständnisses gelöst werden muss, sondern häufig auch davon abhängt, wie Außenstehende eingreifen, und wie lange ein Missverständnis dadurch anhält. Im Kurs wurde deutlich, dass eine dritte, unbeteiligte Instanz die Situation in einer Rolle ähnlich einem Gericht verändern und so zur Auflösung des Missverständnisses beitragen kann. Damit wurde erkennbar, dass eigenes Handeln zwar selbst gesteuert werden kann, jedoch stets auch durch andere beeinflusst wird. In Alltagssituationen ist zudem nicht immer eindeutig, wer Außenstehender und wer Beteiligter ist – ein Beteiligter kann durchaus auch die Rolle des Dritten übernehmen.


Eine weitere Erkenntnis ergab sich aus der zuletzt aufgeführten Szene, in der ein Vater mit Asperger-Syndrom die Gefühle seiner Tochter nicht nachvollziehen konnte. Als die Tochter nach einer schlechten Klausur schlecht gelaunt nach Hause kam, konnte ihr Vater ihr Verhalten emotional nicht einordnen; als sie daraufhin in ihr Zimmer ging, rief er ihr sogar hinterher, sie solle die Wäsche aufhängen. Dieses Beispiel verdeutlichte, dass Missverständnisse deutlich wahrscheinlicher werden, wenn eine Person die Gefühle einer anderen kaum oder gar nicht nachvollziehen kann. Der Vater konnte die Emotionen seiner Tochter nicht deuten, ärgerte sich jedoch, dass sie ihre Schulsachen nach der Heimkehr achtlos abgelegt hatte. Dies verdeutlicht, wie zentral das Verstehen und Deuten fremder Emotionen für zwischenmenschliches Verständnis ist – und wie sehr ihr Fehlen die Vermeidung von Missverständnissen erschwert.


Insgesamt zeigte sich, dass vieles davon abhängt, welche Erwartungen die Beteiligten aneinander haben, welche Absichten sie verfolgen und ob sie sich gegenseitig ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Die Bedürfnisse einer Person erwiesen sich als sehr individuell und besonders dann schwer zu erkennen, wenn man diese Person noch nicht lange genug kennt. Der Kurs vermittelte zudem einen Einblick, wie schnell im Alltag Entscheidungen getroffen werden müssen und wie selten die Zeit bleibt, ein Missverständnis so eindeutig zu identifizieren, wie es im Rahmen des Kurses möglich war. Auch bleibt es oft schwer zu erkennen, ob man einander tatsächlich gut versteht oder lediglich zu wenig expliziert. Dennoch zeigte sich als hilfreiche Erkenntnis, dass ein Missverständnis auch nach seiner Entstehung noch beeinflusst werden kann.

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Gesichtspunkte der Erfahrung ../../../kurs-4/gesichtspunkte-der-erfahrung/index.html ../../../kurs-4/gesichtspunkte-der-erfahrung/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:01:28 +0000 ../../../index.html

Im Kurs 1.4 „So war das nicht gemeint“ wurde anhand von Bernhard Waldenfels’ phänomenologischen Überlegungen in seinem Werk „Grenzen der Normalisierung“ untersucht, wie wir erfahren. Für Waldenfels ist Erfahrung keine objektive Aufnahme einer unveränderten Realität, sondern immer eine durch die jeweilige Wahrnehmung und Perspektive geprägte Erfahrung. Dabei begegnet uns jedes Objekt unter bestimmten Gesichtspunkten, die durch Situation, Ort, Zeit und bisherige Erfahrungen der jeweils wahrnehmenden Person geprägt sind. Derselbe Gegenstand kann daher für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen besitzen, die sich auch unter verschiedenen Gesichtspunkten einer einzelnen Person unterscheiden können. Ein Trikot beispielsweise ist ein Kleidungsstück, innerhalb einer Mannschaft kann es aber zugleich für Zugehörigkeit, Identität und gemeinsame Erlebnisse stehen. Der subjektive Stellenwert eines Gegenstandes ergibt sich somit aus der individuellen Erfahrung. Sowohl im Umgang mit Anderen als auch bei der Untersuchung von Missverständnissen bedeutet dies, dass wir die Bedeutung, die ein Gegenstand für eine andere Person besitzt, nicht aus unserer eigenen Perspektive ableiten dürfen.

Aus diesen von Situation, Ort, Zeit und bisherigen Erfahrungen geprägten unterschiedlichen Gesichtspunkten ergibt sich eine individuelle Wahrnehmung der Realität. Menschen nehmen nicht alle Aspekte einer Situation gleichermaßen wahr, sondern setzen aufgrund ihrer Erfahrungen unterschiedliche Schwerpunkte. Auch die Zuschreibung von Eigenschaften erfolgt nicht vollkommen neutral, da wir bestimmte Merkmale einer Person oder Situation stärker hervorheben als andere. Bestimmte Merkmale werden häufig unbewusst stärker gewichtet als andere. Wenn jemand beispielsweise sagt „Du bist mir fremd“, beschreibt er damit nicht eine objektive Eigenschaft, die dem Gegenüber zugeschrieben werden kann, sondern zunächst nur die eigene Weise, diese Person zu erfahren. Die Phänomenologie richtet den Blick also darauf, wie etwas erfahren wird. Für Missverständnisse ist dies entscheidend, da subjektive Erfahrungen leicht als objektive Tatsachen missverstanden werden können.

Jeder Mensch besitzt außerdem einen individuellen Erwartungshorizont, der durch seine Erfahrungen geprägt ist. Indem wir bestimmte Aspekte hervorheben, mitunter ohne uns dessen bewusst zu sein, und andere ausblenden, grenzen wir unsere Wahrnehmung ein. Die Erfahrungshorizonte verschiedener Menschen können sich überschneiden, aber auch deutlich voneinander abweichen. Dadurch können dieselben Gegenstände oder Situationen unterschiedlich interpretiert werden. Dabei lassen sich der praktische Nutzen und die symbolische Bedeutung eines Gegenstandes nicht eindeutig trennen, sondern werden innerhalb des jeweiligen Erfahrungshorizonts unterschiedlich gewichtet und können sich je nach Situation und Perspektive unter verschiedenen Gesichtspunkten verändern. Waldenfels fordert daraus keine konkrete moralische Handlungspflicht, sondern zunächst das Bewusstsein dafür, wie und was wir erfahren. Für Missverständnisse bedeutet dieses Bewusstsein, dass die eigene Perspektive nicht automatisch als allgemeingültig angesehen und der Erfahrungshorizont des Gegenübers nicht vorschnell falsch eingeschätzt wird.

Verleugnete Erfahrung

Im Abschnitt „Verleugnete Erfahrungen“ aus „Grenzen der Normalisierung“ kritisiert Waldenfels verschiedene Versuche, Erfahrung durch feste Kategorien oder Modelle zu vereinfachen. Er wendet sich unter anderem gegen Formalismus, Konstruktivismus und Empirismus. Besonders nachdrücklich ist dabei seine Kritik am Empirismus, da dieser den Unterschied zwischen dem „Wie“ und dem „Was“ der Erfahrung einebnen könne. Am von ihm so bezeichneten „Modellismus“, bemängelt er, dass dieser vor allem zu sehr auf das Modell als solches fokussiere; dieser beschreibe eine Position, die das „Wie“ vom konkreten „Was“ löst und nach dem pragmatischen „Wozu“ fragt. Seine Sorge besteht darin, dass theoretische Modelle die konkrete Erfahrung überlagern. Für Missverständnisse folgt daraus, dass kein allgemeines Schema die individuelle Erfahrung eines Menschen vollständig erklären kann.

Leiblichkeit und Vergangenheit

Erfahrung ist bei Waldenfels zudem immer leiblich. Der Mensch erfährt die Welt nicht ausschließlich geistig, sondern stets auch über seinen Körper. Fremdheit kann sich beispielsweise nicht nur als Gedanke, sondern auch als körperliche Irritation oder Unbehagen zeigen. Gleichzeitig blickt jede gegenwärtige Erfahrung gewissermaßen in die Vergangenheit, da frühere Erfahrungen beeinflussen, wie etwas gegenwärtig erscheint. Aus der Wahrnehmung entstehen Erwartungen und schließlich Handlungsstränge, die den weiteren Verlauf einer Situation beeinflussen können.

Für die zentrale Kursfrage „Was sind Missverständnisse?“ zeigt Waldenfels damit: Missverständnisse entstehen nicht lediglich durch falsch verstandene Äußerungen. Sie können daraus hervorgehen, dass Menschen dieselbe Situation aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten, Gesichtspunkten und leiblichen Voraussetzungen heraus erfahren. Wer sich dieser Perspektive bewusst ist, kann die eigene Wahrnehmung stärker von der des Gegenübers unterscheiden und dadurch mögliche Missverständnisse besser erkennen.

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