Emilia Funk – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Sun, 30 Aug 2026 13:27:15 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Emilia Funk – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Erving Goffman: The presentation of self in everyday life  ../../../kurs-4/erving-goffman-the-presentation-of-self-in-everyday-life/index.html ../../../kurs-4/erving-goffman-the-presentation-of-self-in-everyday-life/index.html Thu, 27 Aug 2026 16:10:31 +0000 ../../../index.html

Eines der bekanntesten Werke des Soziologen Erving Goffman (1922–1982) ist sein 1956 veröffentlichtes Buch „The presentation of self in everyday life[1]. Goffman geht davon aus, dass Menschen – ganz ähnlich wie Schauspieler auf der Bühne – eine Rolle in der Gesellschaft spielen. In seinem Buch widmet er sich der Frage, inwiefern Menschen in alltäglichen Situationen eine soziale Rolle spielen. Zum besseren Verständnis von Missverständnissen hat sich der Kurs intensiv mit dem Kapitel „Misrepresentation“[2] beschäftigt.

Vor der Besprechung des Textes erschien es dem Kurs sinnvoll, zentrale Begriffe Goffmans zu klären. Besonders hervorzuheben war dabei die von Goffman nicht sauber getrennte Unterscheidung im Gebrauch der Begriffe „sign“ (Zeichen) und „cue“ (Anzeichen). Ein Zeichen ist in diesem Sinne ein allgemein akzeptiertes Symbol, dessen Zusammenhang zu seiner Bedeutung arbiträr ist. Ein Anzeichen („cue“) ist ein Zeichen für etwas, was geschehen ist, gerade passiert oder im Anschluss passieren wird. Raucht es z. B.  irgendwo kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass es momentan brennt. Ein anderes Beispiel sind aufziehende Wolken, welche häufig ein Anzeichen für kommenden Regen sind. Diese Erfahrung haben wir im Laufe unseres Lebens erworben. Zwischen den jeweiligen Phänomenen besteht ein kausaler Zusammenhang, und die Sicherheit, mit der das Angezeigte tatsächlich eintritt, ist für den Status des Anzeichens nicht ausschlaggebend. Goffman verwendet also in seinen Texten häufig das Wort „sign“, obwohl er das Anzeichen meint. 

Der Titel „Misrepresentation“ wird in der deutschen Version mit „Unwahre Darstellungen“ übersetzt. Im Kurs wurde untersucht, worin der Unterschied zwischen Falschdarstellung und unwahrer Darstellung liegt. Um diese Frage zu beantworten, hilft es, den Unterschied zwischen richtig und wahr zu benennen. „Richtig“ wird dann verwendet, wenn es um eine konkrete Feststellung geht, die zu diesem Zeitpunkt überprüfbar ist. „Wahr“ steht eng in Verbindung mit dem Wahrnehmenden. Aufgrund einer persönlichen Einstellung kann etwas als wahr erscheinen. Diese Unterscheidung kann beispielsweise auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“ zurückgeführt werden. „Falsch” würde demgegenüber bedeuteten, dass etwas nachweislich nicht korrekt ist. „Unwahr“ bezieht sich auf die Ebene der sozialen Wahrnehmung. Eine Darstellung oder Situation ist unwahr, wenn sie nicht der authentischen Realität entspricht, selbst wenn keine expliziten Falschaussagen getroffen wurden. Richtung und Ausmaß, in dem etwas von der absoluten Wahrheit abweichen kann, lassen sich dabei als eine Art Spektrum begreifen.

Goffman schreibt dazu:

„[…] an audience is able to orient itself in a situation by accepting performed cues on faith […]., treating these signs as evidence of something greater than or different from the sign-vehicles themselves. If this tendency of the audience to accept sings places the performer in a position to be misunderstood and makes it necessary for him to exercise expressive care regarding everything he does when before the audience, so also this sign-accepting tendency puts the audience in a position to be duped and misled, for there are few signs that cannot be used to attest do the presence of something that is not really there.“[3]

Im oben zitierten Textabschnitt ist besonders die Verwendung des Ausdrucks „expressive care“ bedeutsam. Den Darstellenden muss bewusst sein, dass die von ihnen ausgesendeten Zeichen fortlaufend interpretiert werden. Goffman weist aus diesem Grund den Darstellenden an dieser Stelle eine gewisse Verantwortung zu. 

Im Folgenden versucht der Autor, drei verschiedene Arten von „misrepresentation“ zu definieren: die Verkörperung („impersonation“[5]), die Lüge („lie“[6]) und das Verbergen („secrecy“[7]).

Goffman zufolge hängt die Art, wie ein Identitätswechsel (impersonation) bewertet wird, vom sozialen Status der imitierten Person ab. Dazu schreibt er:

For example, while it is felt to be an inexcusable crime against communication to impersonate someone of sacred status, such as a doctor or a priest, we are often less concerned when someone impersonates a member of a disesteemed, non-crucial, profane status, such as that of a hobo or unskilled worker.”[8]

Zudem sei das Motiv von Bedeutung: Liegen dem Identitätswechsel beispielsweise Selbstschutz oder Schadensvermeidung zugrunde, werde er tendenziell milder beurteilt. Außerdem sei die Täuschung einer spezifischen Einzelperson in der Regel leichter zu durchschauen als das Vortäuschen einer Gruppenzugehörigkeit. Ersteres werde auch härter bestraft.[9]

Darüber hinaus unterscheidet Goffman drei Arten von Lügen, und zwar zunächst die „barefaced lies“ (schamlose Lügen). Dabei wird aktiv vom Sprecher etwas Falsches gesagt. Hinter dieser Lüge steht die Absicht des Eigenprofits. Außerdem sei es dem Sprecher klar, dass er lügt, und er tut es dennoch absichtlich.[10] Wird er bei dieser Art von Lüge entlarvt, kann dies seine soziale Position sowie das Vertrauen in ihn nachhaltig beschädigen.[11]

An zweiter Stelle stehen die „white lies“ (Notlügen), bei deren Verwendung der Sprecher das Ziel hat, etwas oder jemanden zu beschützen oder zu bewahren, „presumably to save the feelings of the audience that ist lied to, and these kinds of untruths are not thought to be horrendous“[12]. Die Absicht des Sprechers ist hierbei zwar wohlwollend, kann vom Gegenüber jedoch als ambivalent wahrgenommen werden, abhängig davon, ob man lieber die Wahrheit gehört hätte oder nicht. Höflichkeitslügen sind häufig gesellschaftlich geduldet oder sogar gefordert.

Abschließend nennt Goffman eine weitere Art von Lüge: „Communication techniques such as innuendo, strategic ambiguity, and crucial omissions allow the misinformer to profit from lies without, technically, telling any.“[13] Ähnlich wie bei „barefaced lies“ ist der Eigenprofit das Hauptziel. Jedoch unterscheidet sich die Art und Weise, wie dies geschieht. Hier werden bewusst Techniken, wie Andeuten oder das bewusste Weglassen eines entscheidenden Details genutzt, um das Gegenüber absichtlich in eine falsche Schlussfolgerung rennen zu lassen mit dem Ziel sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. 

Abschließend beschäftigt sich Goffman mit dem sogenannten „Verbergen“. Auch diese Technik meinte das bewusste Auslassen von Details. Der Hauptunterschied zu einer strategischen Doppeldeutigkeit (eine Form der Lüge) ist, dass der Sprecher die Absicht hat, einen bestehenden Status beizubehalten, beispielsweise das Bild der Person zu erhalten, welches man gesellschaftlich etabliert hat. Für Goffman ist diese Form der „misrepresentation“ strukturell notwendig, damit sozialer Alltag funktionieren kann.[14] Langfristig kann das jedoch dazu führen, dass eine Beziehung bedroht ist, die sich auf die Rolle einer Person stützt, und Misstrauen auch in Lebensbereichen schüren, in denen der Sprecher möglicherweise nichts zu verbergen hat.[15]

Die Deutsche Schülerakademie konnte im Kurs als Gegenbeispiel dienen: Da die Teilnehmenden dort auf unbekannte, neue Menschen treffen, haben sie die Möglichkeit, ein neues Selbstbild zu entwerfen, und sind daher nicht darauf angewiesen, ein altes Bild durch das Verbergen von Informationen oder Charaktereigenschaften aufrechtzuerhalten. Dennoch verbergen Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas von sich, geben also nicht alles öffentlich preis. Als zweiten Unterschied kann man einen klaren Zeitpunkt ausmachen, an dem das Verborgene hätte explizit gemacht werden müssen. Eine strategische Doppeldeutigkeit kann sich jedoch über einen langen, unscharfen Zeitraum ziehen. 

In Bezug auf die Frage nach Missverständnissen zeigt uns Goffman, dass alle Menschen Schauspieler sind, die verschiedene Rollen spielen können. Diese Rollen können entweder unabsichtlich falsch verstanden oder vom Sprechenden absichtlich missverständlich inszeniert werden. Auf dieser Grundlage besteht stets die Möglichkeit, dass Zuhörende ihr Gegenüber falsch verstehen oder einordnen.


[1] Erving Goffman, „Unwahre Darstellungen” in: Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag [zunächst: The Presentation of Self in Everyday Life, New York: Doubleday & Co., 1959], München: Piper, 1983, S. 54–62.

[2] Vgl. ebd., S. 64-73.

[3] Vgl. ebd., S. 69 und 71.

[4] Vgl. ebd., S. 67.

[5] Vgl. ebd., S. 67.

[6] Vgl. ebd., S. 69.

[7] Vgl. ebd., S. 71f.

[8] Vgl. ebd., S. 71.

[9] Vgl. ebd., S. 71.

[10] Vgl. ebd., S. 65.

[11] Vgl. ebd., S. 67 und 69.

[12] Vgl. ebd., S. 69.

[13] Vgl. ebd., S. 69.

[14] Vgl. ebd., S. 65 und 67.

[15] Vgl. ebd., S. 69.


  Grice: Cooperative Principle

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