Simon David Reissner – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Fri, 28 Aug 2026 12:01:59 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Simon David Reissner – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Einfluss von veränderten Erinnerungen auf Emotionen ../../../kurs-3/einfluss-von-veraenderten-erinnerungen-auf-emotionen/index.html ../../../kurs-3/einfluss-von-veraenderten-erinnerungen-auf-emotionen/index.html Thu, 27 Aug 2026 11:25:26 +0000 ../../../index.html Emotionen und Erinnerungen sind stark miteinander verflochten. An besonders bewegende Ereignisse können wir uns außergewöhnlich gut erinnern. Solch einprägsame Erlebnisse können zum Beispiel schöne Dinge sein, wie der erste Kuss oder ein hart erarbeiteter Erfolg. Gegensätzlich dazu werden aber auch traumatische Erfahrungen im Gehirn verankert, wie ein besonders schlimmer Unfall. Gerade die letztere Möglichkeit spielt eine wichtige Rolle in der Psychologie. Dort stellt man sich die Frage, inwiefern wir unsere Emotionen verändern können, indem wir Erinnerungen verändern. Um darauf eine Antwort zu finden, sollte man zunächst die Entstehung von Emotionen verstehen. Dazu liefert die Theorie der konstruierten Emotionen eine gute Erklärung.

Lisa Feldman Barretts „Theory of Constructed Emotions“

Lisa Feldman Barrett ist eine bekannte amerikanische Neurowissenschaftlerin und Psychologin, deren Forschung die konventionelle Vorstellung von Emotionen, als universelles und festes Konstrukt, unabhängig von kulturellem Lernen und Denken (Paul Ekman), in Frage stellt. Die neue Theorie der konstruierten Emotionen von Barrett stellt diese Vorstellung in Frage und argumentiert für die Entstehung der Emotionen im Zusammenspiel aus dem Netzwerk von verschiedenen Gehirnarealen, die gemeinsam unterschiedliche Einflüsse auf das entstehende Gefühl ausüben. Des Weiteren weitet Lisa Feldman Barrett ihre Theorie aus. Der „Core Affect“ beeinflusse nicht nur die Emotionen, sondern auch die ständige Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Entscheidungen, Selbstwert und das kontinuierlich bewusste Erleben der Welt.

Nach Barrett besteht das Fundament, auf dem jede psychische Erfahrung aufgebaut ist, aus dem Core Affect. Dies ist die Basisstimmung, die im Körper kontinuierlich und im Hintergrund besteht und woraus das Gefühl entsteht. Der Core Affect wird dauerhaft durch die verschiedensten inneren Körpersignale und die äußere Situation beeinflusst und zeigt die Valenz des Gefühls (angenehm bis unangenehm) und die Aktivierung (geringe bis hohe Erregung) an. Im Zusammenspiel des Core Affect mit dem Kontext aus Erinnerungen, Erfahrungen, Beziehungen, Kultur und Sprache wird die Ursache und Situation subjektiv interpretiert und eine Vorhersage für die Emotion getroffen. Auf dieser Grundlage wird die Emotion benannt.

Um ihre These zu unterstützen, untersucht Lisa Feldman Barrett die Verbindung zwischen den verschiedenen Gehirnarealen. Sie kritisiert die traditionelle Trennung von der Amygdala, die zuständig sei für emotionale Reaktionen und dem präfrontalen Kortex, der für die kognitive Steuerung zuständig ist. Die Wissenschaftler*innen belegen die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Gehirnstrukturen, wie Amygdala, Orbitofrontalkortex, ventromedialer präfrontaler Cortex und Anteriorer cingulärer Cortex, die zuständig für sowohl das Fühlen als auch das Denken sind. Somit gibt es keine klare Trennung zwischen Emotionssystem und Kognitionssystem. Daraus resultiert, dass Emotionen keine festen unveränderlichen Zustände sind, sondern durch das Zusammenspiel von Core Affect, Wahrnehmung, Körperzuständen und Kontext fortlaufend neu konstruiert werden. Im Alltag bedeutet dies, dass Emotionen und Erinnerungen stark abhängig voneinander sind.

Neurobiologische Struktur von Gefühlen und Erinnerungen

Erinnerungen und Emotionen lassen sich systematisch manipulieren. Für ein besseres Verständnis der Vorgänge im Gehirn ist es notwendig, die neurobiologische Struktur zu betrachten. Das Gehirn besteht aus einem gigantischen Netzwerk aus Nervenzellen. Diese bilden komplexe Verbindungen über Synapsen, um Informationen über elektrische Signale auszutauschen. Werden Informationen öfter abgerufen und wiederholt ausgetauscht, verstärken sich die Verknüpfungen mit der Konsequenz, dass die Signale schneller weitergeleitet werden können. So kann beim Lernen durch Wiederholung eines bestimmten Themas die Information besser gespeichert werden.

Ebenso können „emotionale Lernerfahrungen adaptiv angepasst werden“ (Medium, 2025; Pfeiffer 2023/2025) Diesen Prozess nennt man Gedächtnisrekonsolidierung, bei dem Erinnerungen während der Reaktivierung modifizierbar gemacht werden.  Erinnerungen gehen in einen labilen Zustand über, bevor sie erneut stabilisiert werden.“ (Medium, 2025). Dies zeigt großes Potential für Psychotherapie bei einem möglichen Trauma, denn Erinnerungen sind genauso wenig wie Emotionen ein stabiles unverfälschtes Konstrukt, sondern werden bei jedem Erinnern an neue Gegebenheiten angepasst.

Die Erkenntnis von beeinflussbaren Erinnerungen während der Reaktivierung hat weitreichende Konsequenzen. Die unbeabsichtigte oder gezielte Verfälschung stellt unter anderem die Justiz vor große Herausforderungen. Ein beeindruckendes Beispiel dafür bilden die „falschen Erinnerungen“.

Falsche Erinnerungen

Die Forschung der Rechtspsychologin Julia Shaw zu falschen Erinnerungen behandelt die gleichen Strukturen, wie die Gedächtnisrekonsolidierung und wendet somit die Theorie der konstruierten Emotionen in der Praxis an. Nach Barrett basieren Emotionen auf vergangenen Erinnerungen und neue Erfahrungen beeinflussen neue Emotionen. Kommt eine neue Erinnerung hinzu, wird sie umgedeutet oder neu konstruiert. Die damit verbundenen Gefühle würden sich verändern.

Julia Shaw zeigt in ihrem Paper „Constructing Rich False Memories of Committing Crime“ (Shaw & Porter, 2015), dass sich das menschliche Gehirn soweit beeinflussen lässt, dass sich Personen detailliert an Straftaten erinnern können, die sie nie begangen haben. Die erfolgreichen suggestiven Interviews, Übungen und Kontextinformationen, bei denen rund 70% der Teilnehmer vermeintlich reale Erinnerungen entwickelten, liefern Evidenz für die Formbarkeit des menschlichen Gehirns. Da Erinnerungen eng mit Emotionen verbunden sind, können auch die mit einer Erinnerung verknüpften Gefühle verändert werden. Eine Person könnte zum Beispiel Schuld oder Angst empfinden, weil ihr eingeredet wurde, dass sie einen anderen Menschen mit einer Waffe schwer verletzt hat. Und das, obwohl dieses Ereignis nie in der Realität stattgefunden hat.

Dagegen könnte man argumentieren, dass sich die falschen Erinnerungen nicht einfach in den Alltag und in die Praxis umsetzen lassen. Die Selbstkritik der Forscherin bezieht sich auf die künstliche Forschungsumgebung, in der sich die Probanden befanden. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob sich die Teilnehmer an die Geschehnisse tatsächlich erinnern konnten, oder einfach nur an diese geglaubt haben.

Trotzdem konnten 70% der Teilnehmenden sich detailliert und emotional basiert an das falsche Geschehen erinnern. Auf diese Ergebnisse gestützt, lässt sich die Formbarkeit des Gedächtnisses konstatieren. Daraus folgen notwendige Konsequenzen einerseits für polizeiliche Befragungen, andererseits aber auch eine kritische Hinterfragung der eigenen Erinnerungen und Emotionen.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass Emotionen durch Erinnerungen beeinflussbar sind. Die wissenschaftliche Arbeit zu konstruierten Emotionen von Lisa Feldman Barrett, Julia Shaw und die neurobiologischen Prozesse des menschlichen Gehirns legen nahe, dass Emotionen und Erinnerungen aktiv verändert werden können. Erinnerungen und Kontext bilden das Fundament für die Vorhersagen und Interpretationen des Gehirns. Emotionen sind keine feste Reaktion auf objektive Ursachen, sondern werden kontinuierlich konstruiert. Dadurch, dass wir mit neuen Erinnerungen Einfluss auf unsere Emotionen nehmen können, sind wir auch verantwortlich für sie. Es gilt nicht mehr die Ausrede: „Da ist die Wut mit mir durchgegangen“ Wir können unsere Emotionen kontrollieren.

Aus den Forschungsergebnissen zur Gedächtnisrekonsolidierung und den falschen Erinnerungen lässt sich schließen, dass Erinnerungen und somit Emotionen mit jeder erneuten Aktivierung verändert werden können. Es ist also wichtig, manchmal die eigenen Erinnerungen zu hinterfragen, denn eine detailreiche oder emotionale Erinnerung ist kein Beweis für deren Richtigkeit. Dabei ist es wichtig, dass Menschen oft nicht absichtlich Lügen, wenn sie sich falsch erinnern.

Quellen

Constructing Rich False Memories of Committing Crime (Shaw & Porter, 2015)

Affect is a form of cognition: A neurobiological analysis (Duncan und Barrett 2007)

Affect as a Psychological Primitive (Barrett & Bliss-Moreau 2009)

Medium: https://medium.com/@vonhaxthausen/die-theorie-der-konstruierten-emotion-und-das-erinnerungsupdates-durch-gedächtnis-rekonsolidierung-099df2e677a3 -> Pfeiffer:

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