Jakob Kernmaier – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Sun, 30 Aug 2026 13:29:37 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Jakob Kernmaier – Aka Journal ../../../index.html 32 32 In welchem Verhältnis stehen Handeln und Missverstehen? ../../../kurs-4/in-welchem-verhaeltnis-stehen-handeln-und-missverstehen/index.html ../../../kurs-4/in-welchem-verhaeltnis-stehen-handeln-und-missverstehen/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:29:52 +0000 ../../../index.html

Missverständnisse begegnen einem in vielfältigen Situationen des alltäglichen Lebens. Sie kommen auf, wenn Äußerungen, Handlungen oder Verhaltensweisen von den beteiligten Personen unterschiedlich wahrgenommen oder interpretiert werden. Dabei stellt sich die Frage, auf welche Weise Handlungen aufgenommen und gedeutet werden und wie sich die Rolle gestaltet, die sie bei der Entstehung und Entwicklung von Missverständnissen spielen. Dieser Blogbeitrag geht darum der Frage nach, wie Handlungen und Missverständnisse in Beziehung zueinander stehen, um diese besser zu verstehen.

Als Grundlage für die Untersuchung dient §17 Handeln aus dem vierten Kapitel „Freiheit in Günter Figals Werk „Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie“. Figal setzt sich darin mit dem menschlichen Handeln und der Handlungsfreiheit auseinander. Seine Überlegungen bieten einen Ausgangspunkt, um den Zusammenhang zwischen Handlungen und Missverständnissen näher zu betrachten. Auf dieser Basis soll untersucht werden, inwiefern Handlungen unterschiedlich verstanden werden können und welche Bedeutung die Freiheit hat.

Bevor diese Frage jedoch beantwortet werden kann, muss verstanden werden, was „Handeln“ für Figal grundsätzlich bedeutet. 

Figal unterscheidet dazu zwischen Tun und Handeln. Ersteres enthält ausschließlich die reine Ausführung, die erst in Kombination mit Absicht, Plan und Ziel zu einer Handlung wird. Denn er betont es als [e]in Verhalten, in dem man etwas erreichen will“[1]. Einer Handlung muss immer ein Ziel zugrunde liegen, welches außerdem bewusst zur Kenntnis genommen worden sein muss, um es nicht als Tun, sondern als Handeln zu bezeichnen.

Taten wie unbewusstes Blinzeln oder Schluckauf sind demnach keine Handlungen, da sie unbeabsichtigt geschehen. Entscheidend ist somit nicht allein die äußerlich wahrnehmbare Bewegung, sondern die Bedeutung, die ihr durch die Motivation des Handelnden zukommt. Dadurch wird deutlich, dass Handlungen immer auch aus der Perspektive des Handelnden betrachtet werden müssen. Für das Verständnis einer Handlung reicht es daher nicht aus, lediglich zu beobachten, was eine Person tut; vielmehr muss auch berücksichtigt werden, warum sie es tut. 

Diesen Aspekt bezeichnet Günter Figal als Absicht. Diese steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel einer Handlung: Die Absicht beschreibt, warum man eine Handlung ausführt, das Ziel hingegen, was durch sie erreicht werden soll. Die Absicht kann somit als Ausgangspunkt verstanden werden, aus dem sich ein Ziel und schließlich eine Handlung ergibt.

Allerdings ist die Absicht für das Gegenüber nicht notwendigerweise unmittelbar erkennbar. Dieses kann lediglich das tatsächliche Tun wahrnehmen und muss daraus selbst auf die Absicht schließen. Dabei kann es vorkommen, dass eine Handlung anders verstanden wird, als sie vom Handelnden beabsichtigt war. Besonders problematisch wird dies, wenn ein Verhalten, das vom Handelnden als Handlung mit einer bestimmten Absicht verstanden wird, von einer Person lediglich als Tun wahrgenommen wird und umgekehrt. 

Um ein Beispiel von Clifford Geertz aufzugreifen: Zwinkert eine Person einer anderen bewusst zu, um zu flirten, und wird dies jedoch von der beobachtenden Person als unbeabsichtigtes Tun wahrgenommen und damit als unbedeutend, kann dies zum Missverständnis führen, da der/die Zwinkernde sich ignoriert fühlt und das Ausbleiben einer Reaktion als Zeichen von Desinteresse versteht.[2]

Die unterschiedliche Deutung von Absicht oder Ziel kann somit dazu führen, dass eine Handlung missinterpretiert wird und daraus ein Missverständnis entsteht. Die Absicht bildet daher eine entscheidende Verbindung zwischen dem bloßen Tun, dem bewussten Handeln und der Frage, wie eine Äußerung von Anderen verstanden wird.

„Was Freiheit ist, weiß man und weiß man doch nicht“[3], erkennt Günter Figal. Der Begriff der Freiheit bezeichnet dabei zunächst ein Verhältnis. Laut Figal kann man „frei von“ etwas oder „frei für“ etwas sein. Freiheit beschreibt somit nicht lediglich einen Zustand, sondern immer auch eine Beziehung zu bestimmten Bedingungen oder Möglichkeiten. Freiheit ist also eng mit der Möglichkeit verbunden, sich für etwas zu entscheiden und etwas zu beginnen. 

Entscheidend ist hierbei die von Kierkegaard beschriebene „Möglichkeit zu können4. Freiheit bedeutet demnach nicht nur, zwischen bereits feststehenden Möglichkeiten auswählen zu können, sondern zunächst überhaupt die Möglichkeit zu haben, etwas zu tun. Gerade darin zeigt sich die enge Verbindung zwischen Freiheit und Handeln. Wer frei handelt, ist nicht lediglich der Ausführende eines vorgegebenen Geschehens, sondern besitzt die Möglichkeit, selbst etwas anzufangen und dadurch eine Handlung in Gang zu setzen. Die Frage nach Freiheit ist deshalb für das Verständnis des Handelns von besonderer Bedeutung, da jede Handlung voraussetzt, dass eine Person überhaupt die Möglichkeit hat, etwas zu tun oder auch nicht zu tun.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass jedes Missverstehen Handlungscharakter hat. Grund dafür kann sowohl eine Unklarheit der Absicht als auch eine fehlende Eindeutigkeit der Ziel- oder Plandefinition sein.

Handlungen sind durch Absichten gelenkt, und diese zu verstehen, ist ein Anspruch, dem man nie vollständig gerecht werden kann. Denn selbst für die Absichten hinter den eigenen Handlungen kann man nur Spekulationen aufstellen. Hier kann nie ein endgültiges Ergebnis gefunden werden. Umso schwieriger ist es dementsprechend, die Motivation seines Gegenübers zu erkennen, selbst wenn dieser seine Absicht in seinen Augen überaus explizit zum Ausdruck bringt. Hier stellt sich wiederum die Frage, warum er versucht, seine Absicht unmissverständlich zu implizieren. Wird dem Handelnden nun eine andere Absicht unterstellt, oder wird eine unbeabsichtigte Handlung als beabsichtigt wahrgenommen, kann dies zu Missverständnissen führen. Wenn eine Person beispielsweise blinzelt, ein reines Tun ohne Absicht, kann eine andere Person die Absicht unterstellen, dass es ein flirtendes Zwinkern sein sollte, obwohl es in Realität ein Blinzeln ohne jegliche Intentionen war.

Ähnlich funktioniert es auch, wenn unter mehreren Parteien nicht eindeutig abgesprochen ist, wie man vorgeht (Plan), um ein gemeinsames Ergebnis (Ziel) zu erreichen. Haben beispielsweise zwei Schüler*innen den Auftrag, ein in Partnerarbeit erarbeitetes Thema vorzubereiten, um es den Mitschüler*innen näherzubringen, so ist es ein Problem, wenn eine Powerpoint-Präsentation erstellt wird, aber andererseits eine mündliche Zusammenfassung vorbereitet wird. Hier liegt eine Diskrepanz in der Zieldefinition vor. Auch eine Unklarheit in der Plandefinition könnte entstehen, wenn nun eine/einer der zwei Schüler*innen seinen Teil des Auftrags selbstständig zuhause erledigt und der/die andere davon ausgeht, sie würden sich vor dem Abgabetermin zu zweit treffen, um es gemeinsam auszuarbeiten.

Der Umgang mit Missverständnissen ist stets ein zielgerichtetes Handeln. Die strengere Praxis“ nach Friedrich Schleiermacher besagt, „daß sich das Missverstehen von selbst [ergebe] und das Verstehen auf jedem Punkt [müsse] gewollt und gesucht werden“[4]. Auch hier müssen eine klare Absicht und ein definiertes Ziel – und somit eine Handlung – vorliegen, um Missverständnisse vorzubeugen oder sie als solche zu erkennen.

Vor diesem Hintergrund kann man sich abschließend die Frage stellen, inwiefern Missverständnisse denn vermeidbar sind. Absichten können nicht erkannt werden, es kann gar nicht jedes Verhalten frei gesteuert werden und jede Fehlinterpretation kann als Folge ein Missverständnis mit sich bringen.


[1] Vgl. Günter Figal, Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie, Kapitel 4, §17, S. 184

[2] Vgl. Clifford Geertz, The Interpretation of Cultures, S.6

[3]Figal, S. 183

[4] Friedrich Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik, 16., S.92

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