Emma Führer – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Sun, 30 Aug 2026 13:30:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Emma Führer – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Was ist Sprache? Was hat sie mit Missverständnissen zu tun? Was kann Sprache überhaupt und warum? ../../../kurs-4/was-ist-sprache-was-hat-sie-mit-missverstaendnissen-zu-tun-was-kann-sprache-ueberhaupt-und-warum/index.html ../../../kurs-4/was-ist-sprache-was-hat-sie-mit-missverstaendnissen-zu-tun-was-kann-sprache-ueberhaupt-und-warum/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:15:45 +0000 ../../../index.html

Kommunikation ist ein zentraler Aspekt von Missverständnissen. Daher müssen grundsätzliche linguistische Theorien, die sich dem Thema widmen, genauer betrachtet werden. Ferdinand de Saussure, ein Linguist, John L. Austin, ein Sprachphilosoph und Jacques Derrida, ein Philosoph, setzten sich auf unterschiedliche Weise mit der grundlegenden Frage auseinander, wie Sprache funktioniert, was durch sie möglich wird und wo ihre Grenzen liegen.

Saussure kritisierte die Vorstellung, dass die Verbindung von einem Ding und einem Wort zur Erklärung der Natur des sprachlichen Zeichens reiche. Er wollte das sprachliche Zeichen deshalb neu definieren. Durch die Verknüpfung von Lautbild (Signifikant/signifiant) und der Vorstellung (Signifikat/signifié) gelingt ihm dies.[1] Das Wort „Baum“ bezeichnet dabei nicht einfach einen konkreten „Baum“, sondern ist mit einer kulturell und sprachlich geprägten Vorstellung von einem „Baum“ verbunden. Dadurch wird deutlich, dass Bedeutung nicht unmittelbar aus einem Gegenstand entsteht, sondern durch die sprachliche und kulturelle Prägung des Zeichens bestimmt wird. Somit entstehen verschiedene Perspektiven, da jeder eine andere Vorstellung besitzt. Die eigene Vorstellung wird jedoch oft verallgemeinert und es entstehen Missverständnisse, da wir andere mögliche Interpretationen unbewusst ausschließen und nur von unserer eigenen Vorstellung ausgehen. Doch wie führt die Vorstellung und das Lautbild dann zu einem Wort? Im Laufe der menschlichen Entwicklung konnte die Zuordnung von Vorstellungen und Lautbildern dadurch begünstigt worden sein, dass eine gemeinsame und verständliche Verständigung nach einem Zweck, einen Vorteil für das Zusammenleben und die Kommunikation darstellt.

Saussure betont, dass die arbiträre (willkürliche) Verbindung zwischen Signifikanten und Signifikaten nicht natürlich notwendig sei. Zudem kommt der charakteristische Aspekt hinzu, dass ein sprachliches Zeichen seine Bedeutung nicht isoliert besitzt, sondern durch seine Beziehung zu anderen Zeichen erhält. Somit bildet eine Sprache ein Netz von Differenzen und nicht nur eine Sammlung von Dingen. Dabei unterscheidet Saussure außerdem zwischen langue“und „parole“.[2] Die langue“ bezeichnet das gemeinsame System aus Grammatik, Wortschatz, Regeln und Konventionen. Die parole“bezeichnet dagegen den konkreten, individuellen Sprachgebrauch. 

An diesem Punkt setzt auch J. L. Austin an. Er betrachtet Sprache jedoch aus einer anderen Perspektive. Während bei Saussure vor allem die Struktur und Bedeutung sprachlicher Zeichen im Mittelpunkt stehen, fragt Austin danach, was durch eine konkrete Äußerung geschieht.

J. L. Austin unterscheidet in Bezug auf Sprache zunächst zwischen zwei Arten von Sätzen. Der eine Satz ist konstativ und kann somit wahr oder falsch sein; solche Sätze stellen etwas fest.   Beispielsweise „Die Sonne scheint“ oder „Die 1. Kursschiene beginnt um 9 Uhr“.  Der andere Satz ist performativ; dies sind Handlungen. Dabei wird durch das Aussprechen selbst eine Handlung vollzogen. Diese Handlung kann nun gelingen oder misslingen. Ein Beispiel hierfür könnte sein „Ich verspreche es dir“ oder „Ich entschuldige mich“. Es geht in dieser Art von Sätzen also nicht primär um den Wahrheitsgehalt.[3]

Dafür müssen mehrere Bedingungen zutreffen: Die Rolle der sprechenden Person muss zur Situation passen. Nur durch passende Rahmenbedingungen kann ein gelungenes Gespräch beim Gegenüber ankommen. Wenn beispielsweise eine Privatperson auf der Straße nun eine Eheschließung zwischen wahllosen Passanten erklären möchte, würde der Sprechakt misslingen, weil die institutionelle Zuständigkeit und der passende Rahmen fehlen würden. Außerdem müssen die Handlungen ernsthaft und vollständig ausgeführt werden. Das Missverständnis wird in diesem Beispiel von einem sprachlichen zu einem pragmatischen Problem, denn es geht darum, welche Handlungen unter welchen Umständen vollzogen werden. Für Austin ist dabei die Absicht des Sprechers wichtig, aber nicht allein entscheidend. Auch die Reaktion des Gegenübers, die Umstände und beispielsweise die Glaubwürdigkeit des Sprechers können eine Rolle spielen.

Um die Natur des Sprechaktes genauer zu erfassen, entwickelte er eine Dreiteilung: Der Erste ist der lokutionäre Akt und er besteht darin, überhaupt einen sprachlich geformten Satz zu äußern. Dazu gehören Laute, Wörter, Grammatik und wörtlicher Sinn. Im selben Zuge findet der illokutionäre Akt statt. Er bezeichnet die Handlung bzw. die Handlungsabsicht, die mit dem Sprechen vollzogen werden soll. Dabei geht es nicht nur darum, was wörtlich gesagt wird, sondern auch darum, wie die Äußerung in der jeweiligen Situation gemeint ist. So kann der Satz „Das Fenster ist offen“ beispielsweise eine Feststellung, eine Aufforderung, einen Vorwurf oder einen Hinweis darstellen. Die daraus entstehende Wirkung, die die Äußerung beim Hörer hervorruft, nennt Austin den perlokutionären Akt. Somit kann dieses Erklärungsmodell auch seine Grenzen erreichen, wenn das Gesagte beim Sprecher zwar „ankommt“, aber keine weiteren Folgen hat.[4]  

Missverständnisse können entstehen, wenn Sprecher und Hörer diese Ebenen unterschiedlich in Bezug bringen. Dies entsteht z. B., wenn die Wirkung auf den Verstehenden nicht mit der Absicht des Redenden übereinstimmt.

Der französische Philosoph Jacques Derrida stellt die These auf, dass jedes Zeichen eine neue Bedeutung ermöglicht, da die Verweisung innerhalb der Zeichen nie endet.[5] Diesen Gedanken teilte auch schon Saussure. Derrida vertieft dieses Modell. Er behauptet die Bedeutung eines Wortes ist niemals vollständig gegen neue Kontexte abgeschlossen, sondern nur durch seine Differenz zu anderen Zeichen.

Ein wesentlicher Grundzug sei nach Derrida, dass keine Bedeutung identisch in sich selbst abgeschlossen ist. Derrida bezeichnet diesen Gedanken mit dem Begriff différance”[6], der sowohl den Unterschied als auch den Aufschub von Bedeutung bezeichnet. Denn er schreibt das Wort mit einem „a“ anstatt von einem „e“.[7] Diese unterschiedliche Bedeutung des Wortes wird nur in der Schrift sichtbar. Dadurch will er zeigen, dass die Bedeutung eines Wortes nicht nur aus dem Gesprochenen entsteht, viel mehr aus der Schrift, der Spur und der Differenz zwischen Zeichen. Somit macht Derrida deutlich, dass Sprache immer offen und unvollständig bleibt, sie entwickelt sich immer weiter. Derrida betont außerdem die Wiederholbarkeit (Iterabilität) von Zeichen. Ein Zeichen muss wiederholbar sein, damit es überhaupt als Zeichen funktionieren kann. Dennoch beruht die Möglichkeit der Verständigung und die Möglichkeit des Missverständnisses auf derselben Eigenschaft, der genannten Iterabilität des Zeichens. 

Saussure behauptet also, die Sprache sei ein System von Zeichen, welches Struktur durch Differenzen bietet. Austin geht genauer auf die Form des Handelns ein, und Derrida sagt Sprache sei ein Spiel von Differenzen, Verschiebung und Wiederholbarkeit.

Im Hinblick auf Missverständnisse bildet die Sprache also nicht nur ab, sie wirkt und bleibt offen. 

Anhand dieser drei vorgestellten Methoden wurde versucht, die zu Kursbeginn formulierten Forschungsfragen neu zu beleuchten. Diese waren:

  1. Auf welcher Ebene können Missverständnisse entstehen?
  2. Was können wir für uns schließen im Hinblick auf Missverständnisse?
  3. Wie kommuniziere ich vor, während und nach einem Missverständnis?
  4. Bringen uns Missverständnisse weiter?

Es wurde festgestellt, dass die Fragen teilweise genauer definiert werden müssen, z. B. die Frage: Welche Ebenen sind eigentlich gemeint? Hier ist die Bedeutung der Ebenen noch lückenhaft. Zudem wurde bemerkt, dass eine gewisse Akzeptanz und Toleranz notwendig sind, um die willkürlich gewählten Wortbildungen zu verstehen und in seinen Sprachgebrauch zu integrieren. 

Bei der Anwendung dieser drei Methoden auf die von den Teilnehmenden mitgebrachten Missverständnisse wurde festgestellt, dass 

1. alle Methoden bedingt nutzbar sind, da sie einige Aspekte erklären können und für      andere ungeeignet sind. So kann z. B. die Sprechakttheorie nicht auf Situation angewendet werden, in denen nicht gesprochen wird. 

2. Jede Methode hat Grundannahmen, die jedoch nicht unbedingt ausgesprochen werden. So erwähnt Austin nicht ausdrücklich beim Sprechaktmodell, dass es ihm       hierbei nur um die gesprochene Sprache geht. 

3. Obwohl es beim Sprechakt um die Wirkung auf beide Gesprächspartner gehen sollte,   wird immer von dem einen Sprecher ausgegangen. Dies stellt auch eine starke   Schwäche des Modells da, weil es eigentlich um Gegenseitigkeit geht und nicht nur um   die Reaktion des Gegenübers, die als Wirkung gedeutet wird. 

4. Da die Theorien sich in einer ständigen Entwicklung befinden, werden auch Austins     Denkansätze in Frage gestellt. So denken andere darüber nach, ob nicht Lücken       vorhanden sind oder ob die Situation aus einer anderen Perspektive ganz anders wirkt. 

So entsteht letztlich keine einzige, abschließende Antwort darauf, was Sprache eigentlich ist. Vielmehr zeigen die drei Ansätze unterschiedliche Dimensionen von Sprache und können uns helfen Missverständnisse zu analysieren.


[1] Vgl. Ferdinand de Saussure: Die Natur des sprachlichen Zeichens – Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit des Zeichens, in: ders.: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, (frz. Originalausgabe 1916), Berlin 1967, S. 76–93.

[2] Vgl. Ebd. Ferdinand de Saussure.

[3]   Vgl. J. L. Austin: Lecture 1, in ders.: How to do things with words, Cambridge 1962.

[4] Vgl. Ebd  J. L. Austin.

[5] Vgl. Jacques Derrida: Die différance. In: Randgänge der Philosophie. Passagen, Wien, S. 29–52 (frz. „La différance“, in: Marges de la philosophie. Paris: Minuit 1972.

[6] Ebd. S. 29–52.

[7] Ebd. S. 29–52.

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