Elisabeth Hennig – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Thu, 27 Aug 2026 09:09:36 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Elisabeth Hennig – Aka Journal ../../../index.html 32 32 „Duolingo für Gefühle“ – Der Einfluss von Sprache auf Emotionen ../../../kurs-3/duolingo-fuer-gefuehle-der-einfluss-von-sprache-auf-emotionen/index.html ../../../kurs-3/duolingo-fuer-gefuehle-der-einfluss-von-sprache-auf-emotionen/index.html Thu, 27 Aug 2026 09:09:35 +0000 ../../../index.html Einleitung

Dass Sprache bestimmte Emotionen hervorrufen kann, ist den meisten Menschen bereits bewusst: Wörter können verletzen, aber auch beruhigen; sie können einen verunsichern, provozieren und erfreuen.

Doch wie sehr steuert Sprache unsere Emotionswelt wirklich?

Ich argumentiere dafür, dass die Sprache, die wir nutzen und die uns umgibt, einen erheblichen Einfluss auf unsere Emotionen, unser soziales Leben und unsere Emotionsregulation hat, indem sie unsere Wahrnehmung aktiv prägt.

Als Ausgangspunkt meiner Hypothese nutze ich Lisa Feldman Baretts Theorie der konstruierten Emotionen.

Hauptteil

Lisa Feldman Barretts Konstruierte Emotionstheorie hebt sich stark von klassischen Emotionstheorien ab, insbesondere der Basic Emotion Theory von Paul Ekman.

Klassische Emotionstheorien reduzieren Emotionen meistens auf physische Prozesse im Gehirn und Körper und definieren sie nur anhand ihrer kausalen Beziehungen zu Situationen. So behauptet zum Beispiel Ekman, dass alle Menschen sieben angeborene Basisemotionen (Ekel, Trauer, Wut, Angst, Freude, Überraschung und Verachtung) besitzen, zu denen auch jeweils ein spezifischer Gesichtsausdruck gehört. Alle empfundenen Emotionen würden sich von diesen Basisemotionen ableiten und in bestimmten Situationen abgerufen werden. Ekmans Forschung in Papua-Neuguinea spräche dafür, dass die Basisemotionen und deren Gesichtsausdrücke universell seien (Ekman et al. 1971). Doch heutzutage wird Ekmans methodische Vorangehensweise teilweise stark kritisiert, da die Teilnehmer keine individuellen Antworten geben konnten, sondern nur zwei bis drei Antworten zur Auswahl hatten.

Barrett stellte allerdings die These auf, dass Emotionen keine Reaktionen auf Situationen, sondern Interpretationen von intero- und exterozeptiven Wahrnehmungen (Körpersignalen und Situationen) in Kombination mit dem „Core Affect“ seien. Der „Core Affect“ sei ein kontinuierlicher Gemütszustand, dessen Valenz zwischen positiv und negativ fluktuiere und Intensität sei die körperliche Aktivierung, die zwischen Ruhe und Aufregung schwanke.

Diese Interpretation des empfundenen Core Affect in einer Situation sei schlussendlich die empfundene Emotion. Zur Interpretation nütze man den Kontext, welcher aus Erinnerungen, Erfahrungen, Kultur, Beziehungen und auch der Sprache bestehe. 

Daher seien Emotionen keine angeborenen Zustände, sondern entstünden erst zu dem Zeitpunkt einer Situation. Aus diesem Grund könne es auch gar keine universellen Gesichtsausdrücke der Emotionen geben, da Emotionen an sich nicht universell, sondern völlig subjektiv seien.

Die Interpretation eines Gesichtsausdruckes sei deswegen auch rein subjektiver Natur und von denselben Einflüssen abhängig wie die Interpretation unserer eigenen Gefühle.

  1. Einer der Einflüsse auf unsere emotionale Interpretation der Gesichtsausdrücken Anderer ist die Sprache, die wir nutzen.

Die Ergebnisse einer jüngeren Studie sprechen außerdem dafür, dass Gesichtsausdrücke nicht immer gleich interpretiert werden, sondern auch durch die gesprochene Sprache beeinflusst werden. Die Teilnehmer interpretierten den Gesichtsausdruck am ehesten als die Emotion, deren Emotionswort sie zuvor wiederholt hatten. So wurden zum Beispiel die Gesichtsausdrücke, die ein gleiches Maß an Freude und Wut repräsentierten, eher als Wut interpretiert, wenn die Teilnehmer das Wort „Wut“ mehrere Male zuvor ausgesprochen hatten (Lindquist et al. 2007).

Würde man diese Ergebnisse auf ganze Sprachen beziehen, könnte es sogar sein, dass Sprachen, die mehr Begriffe für eine spezifische Emotion besitzen, am ehesten diese Emotion in anderen Personen interpretieren und andere Emotionen, für die keine Begriffe existieren, übersehen.

Durch unsere subjektiven Interpretationen, die teilweise von unserem eigenen Sprachgebrauch abhängig sind, kann es auch zu Missverständnissen im Alltag kommen – die Sprache, die wir nutzen prägt unser soziales Leben.

Um verheerende Missverständnisse zu vermeiden, kann man Sprache auch dafür nutzen, seine eigenen Emotionen im sozialen Kontext zu regulieren.

  1. Die Benennung der Emotionen von Gesichtsausdrücken führt dazu, dass diese unser eigenes emotionales Empfinden weniger beeinflussen.

Die Aktivität in der Amygdala (der Hirnregion, die mit der emotionalen Bewertung einer Situation verbunden ist) sinkt und stattdessen wird der Gehirnbereich, der zuständig für sprachliche Abrufung ist, aktiviert (Brooks et al. 2017). Deswegen kann zum Beispiel expressives Schreiben ein effektives Mittel der Emotionsregulation sein (Pennebaker 1997).

Wie effektiv die Benennung seiner eigenen Emotionen zur Emotionsregulation ist, ist jedoch umstritten.

(Die Funktion der Amygdala könnte jedoch auch dafür sprechen, dass Ekman doch Recht hat: Anscheinend besitzen wir einen angeborenen Teil im Gehirn, der für die Emotionen zuständig ist.

Doch das Gehirn besitzt keine spezifischen Bereiche für die jeweiligen Basisemotionen und die Amygdala arbeitet außerdem nicht allein, sondern mit dem Hippocampus zusammen. Dieser ist für das Gedächtnis zuständig (Guy-Evans 2026).

Laut Baretts Theorie werden Situationen mit Hilfe von Erinnerungen interpretiert und Emotionen empfunden. Die Verbindung der Gehirnregionen scheint ihre Annahme zu bestätigen: Gedächtnis und Emotionen sind verbunden.)

  1. Die Nennung von Emotionen kann dazu führen, dass diese Emotionen intensiver wahrgenommen werden.

Teilnehmer, die verärgert waren und ihre Emotionen benannten, wiesen mehr physische Reaktionen, die mit Wut verbunden sind, auf als verärgerte Teilnehmer, die ihre Emotionen nicht beschrieben (Kassam et al. 2013). Personen, die ihre Emotion benannten, bevor sie mit Emotionsregulationsstrategien begonnen, hatten mehr Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation; ihre Emotionen hatten sich durch die Benennung verfestigt (Nook et al. in press).

Doch das bedeutet noch nicht, dass die Benennung seiner Emotionen nur negative Folgen mit sich bringt. Diese Verfestigung kann besonders dann nützlich für das emotionale Wohlbefinden sein, wenn man positive Emotionen empfindet und benennt.

Auch die Benennung von Emotionen, die man nicht empfindet, kann vorteilhaft für die Emotionsregulation sein.

  1. Das Aussprechen von Emotionswörtern kann zum Empfinden der genannten Emotionen führen.

Als Teilnehmer das Wort „Angst“ kurz vor einer unangenehmen Situation wiederholen mussten, zeigten sie eine größere Risikovermeidung als die Personen, die das Wort „Wut“ wiederholten (Linquist et al. 2008). Besonders bei der Emotionsregulation kann dieser Effekt der Sprache eine wichtige Rolle spielen und im Alltag für kognitive Neubewertungen (auch „Cognitive Reappraisal“ genannt) genutzt werden. Dabei steuert man seine Emotionen, indem man die Situationen anders und positiver interpretiert, als man sie normalerweise interpretieren würde. Mit der Wiederholung des Emotionswortes, das man empfinden möchte, könnte man somit seine Annahme über eine Situation, also die Emotion, die man empfindet, beeinflussen und die gewünschte Emotion induzieren.

Doch den größten Einfluss auf die Emotionsregulation mag wohlmöglich die Sache haben, die die Benennung von Emotionen überhaupt erst möglich macht: Die emotionale Granularität.

  1. Eine hohe emotionale Granularität, also der emotionale Wortschatz, korreliert mit einer besseren Emotionsregulation, weniger psychischen Störungen, besseren Resultaten in der Psychotherapie und wenigeren aggressiven Interaktionen (Lindquist 2021).

Menschen mit einem größeren emotionalen Wortschatz können ihre Emotionen genauer definieren und somit effektivere Methoden wählen, sie anders zu interpretieren. Außerdem behalten Personen mit hoher emotionaler Granularität mehr kognitive Kontrolle während des Empfindens von Emotionen (Lee et al. 2017).

Unser emotionaler Wortschatz bestimmt, wie gut wir mit emotionalen Situationen umgehen können und beeinflusst die Aktivität unserer Amygdala.

Fazit

Sprache umgibt uns jeden Tag und die Wörter, die wir nutzen und kennen, können Emotionen induzieren und verfestigen und beeinflussen unsere Interpretation der Emotionen Anderer.

Wir nutzen Sprache nicht nur, um unsere Emotionen auszudrücken, sondern unsere Emotionen werden aktiv durch unsere Sprache geformt.

Ein großer Wortschatz für Emotionen, und somit eine hohe emotionale Granularität, kann zu einer effektiveren Emotionsregulation und -kommunikation führen.

Also sollten wir unsere Stimme nutzen, um das zu sagen, was wir fühlen (oder das, was wir fühlen wollen).

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