Collien Scida – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Thu, 27 Aug 2026 10:16:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Collien Scida – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Können wir andere Menschen lesen, wie ein universell geschriebenes Buch? ../../../kurs-3/koennen-wir-andere-menschen-lesen-wie-ein-universell-geschriebenes-buch/index.html ../../../kurs-3/koennen-wir-andere-menschen-lesen-wie-ein-universell-geschriebenes-buch/index.html Thu, 27 Aug 2026 10:16:27 +0000 ../../../index.html Wir Menschen behaupten häufig, unseren Gegenüber lesen zu können, als sei er*sie ein Buch, geschrieben auf einer Sprache, die wir alle intuitiv beherrschen. Bereits die minimalste Veränderung in der Mimik oder Gestik, würde uns demnach den Schlüssel zu der inneren Gefühlswelt unseres Gegenübers geben. Wir werfen mit diesen Behauptungen aber nicht nur einfach so um uns, sondern schreiben dieser scheinbaren Fähigkeit ein solches Gewicht zu, als dass wir sie tief in der Gesellschaft verankert haben. So beeinflusst der Gesichtsausdruck des potentiellen Täters das Urteil des Richters, der meint aus jenem ein mögliches Schuldgefühl ablesen zu können.

Doch wie sehr können wir auf diese vermeintliche Fähigkeit vertrauen? Besitzen wir tatsächlich die Fähigkeit, die Emotionen eines anderen einzig und allein anhand seines äußeren Erscheinungsbildes zu bestimmen?

Die Beantwortung jener Fragen bedarf einem allgemeinen Verständnis über die menschlichen Emotionen.

Zwei zentrale Theorien sind hierbei von Bedeutung. Der Psychologe Paul Ekmann sieht in einem Gesichtsausdruck den Indikator für bestimmte Emotionen und schreibt diesen zudem Universalität zu, wodurch wir die Emotionen eines anderen, an seinem Gesicht ablesen können sollen.

Er entwirft in seiner „Basic Emotion Theory“ das Konzept der sieben Basisemotionen, welche sich in Freude, Trauer, Wut, Ekel, Verachtung, Überraschung und Angst gliedern. Den Emotionen ordnet er distinkte Gesichtsausdrücke zu, die es einem ermöglichen sollen, die Emotionen unserer Mitmenschen zu bestimmen. Er erweitert seine Theorie durch die Annahme, dass die emotionsspezifischen Gesichtsausdrücke universell und somit kulturübergreifend sind. Er basiert diese Annahmen auf seiner in Papua-Neuguinea im Jahr 1971 durchgeführten Studie. In dieser Studie wurden Mitglieder einer Ethnie, die keinen Kontakt zur westlich sozialisierten Kultur hatten,  gebeten Emotionen zu einer Geschichte zu wählen.

Ekmans Theorie folgend, sollte das Lesen und Bestimmen der Emotionen unserer Mitmenschen also beinah systematisch ablaufen können. Man müsse nur aufmerksam genug sein, um die Kombination an kontrahierten Gesichtsmuskeln zu erkennen und man könne daraus die Emotion ableiten.

Darüber hinaus ermöglicht uns diese Erkenntnis, auch falsch Aussagen bezüglich der gefühlten Emotionen zu durchschauen, da es bei der Nachahmung von Emotionen, nach Ekman, zu einem so genannten leakage in facial expression kommt. Denn dem Menschen sei es nicht möglich jede gesichtsmuskuläre Aktion nachzuahmen, die während einer echten Emotion auftritt, diese werden auch als reliable muscles bezeichnet. 

Es ist jedoch anzubringen, dass Ekmans Theorie sowie besonders auch das Vorgehen in der vorgestellten Studie harsch kritisiert wurde. Die verwendete Methode wurde unter anderem unter den Gesichtspunkten bemängelt, als dass die Teilnehmenden die Emotionen selbständig hätten beschreiben sollen sowie dass eine “Emotionseinschätzung“ in der Realität nicht nur auf einem alleinstehenden Gesichtsausdruck basiert, sondern in einen Kontext eingebettet ist, was an der Wahrhaftigkeit seiner Thesen zweifeln lässt.(James A. Russel [1994]: Forced-Choice-Format ).

Des Weiteren sprechen spätere Studien gegen seine Annhamne bezüzlich dem leakage in facial expression. Denn wenn man die Erkenntnisse von Charles F. Bond Jr. und Balla M. DePaulo miteinbezieht, dass Menschen Lügen lediglich mit einer 54% Genauigkeit erkennen können, entwertet das Ekmans vorherige Annahme, da das Ergebnis mit 54% nur gering über dem Zufall liegt .

Im Vergleich zu Paul Ekman, bietet die Psychologin und Naturwissenschaftlerin Lisa Feldman Barret mit ihrer Theorie zur „Experience of Emotion“ eine völlig andere Sichtweise. In ihrer Theorie legt sie den Fokus auf die Frage, was Menschen fühlen, wenn Sie eine Emotion fühlen und schließt auf ein hohes Maß an Individualität, was das “Lesen“ unserer Mitmenschen, deutlich erschwert.

Sie führt das Konzept des sogenannten Core-Affects ein, welcher die generelle Grundstimmung eines Menschen beschreibt und durch einen exterozeptiven oder interozeptiven Reiz verändert werden kann. Die Veränderung äußert sich in einem Gefühl von niedrigem oder hohem Wohlbefinden, welches auch als Valenz zu bezeichnen ist, sowie in einem Gefühl von, niedriger oder hoher Aktivierung welches von Barrett auch als Arousal (content) beschrieben wird. Es ist anzumerken, dass die Veränderung des Core Affects bzw. die einhergehenden Gefühle unterschiedlich intensiv wahrgenommen werden. Die Interpretation der Veränderung, welche in Form von Vermutungen getroffen wird und auf bereits vorhanden Erfahrungen und Wissen basiert, bildet die mentale Repräsentation von Emotionen, also das bewusste Wahrnehmen, Fühlen, Erfahren und Benennen von Emotionen.

In Anbetracht des Core-Affects ist festzuhalten, dass dieser, für Barrett essentieller Teil von Emotionen, für außenstehend vollkommen unersichtlich ist. Somit kommt die Frage auf, inwiefern eine Person eine akkurate Aussage über die Emotionen einer anderen treffen kann, ohne jegliche Auskunft über einen so essentiellen Teil zu haben.

Barrett betont zudem deutlich, dass Emotionen, insbesondere in ihrer Ausdrucksweise, nicht so universell seien, wie es Ekmann behauptet, womit das Erkennen fremder Emotionen einzig und allein basierend auf Gesichtsausdrücken nach Barrett nicht zuverlässig sei. Ergänzend unterstreicht der Begriff der Zuverlässigkeit ein weiteres wesentliches Kriterium, denn Barrett erläutert, dass die Korrelation zwischen dem Gesichtsausdruck und der Emotion zwar vorhanden sei, aber so gering ausfalle, dass man jenen nicht als zuverlässigen Indikator für eine bestimmte Emotion betrachten könne. Zudem weist sie auf die fehlende Spezifität, zwischen Gesichtsausdrücken und Emotionen hin. Denn Barrett zufolge, kann man seine Gefühlswelt nicht in sieben distinkte Emotionen unterteilen und durch ihre Dimensionalität und Dynamik nicht einfach ablesen.

Zusammenfassend hinterfragt und kritisiert sie so die Validität von Gesichtsausdrücken als Indikator für Emotionen und streitet ab, dass wir Menschen in der Lage dazu sind, andere, basierend auf dem Bild ihrer äußeren Erscheinung und ohne jeglichen Bezug zum situativen Kontext, zu lesen bzw. ihre Emotionen zu ermitteln.

Darüber hinaus bringt Barrett in ihrem TedTalk („You arn`t at the mercy of your emotions“) an, dass jegliche Emotionen, die wir meinen in anderen Menschen ermitteln zu können, zu gewissen Teilen lediglich in unseren eigenen Köpfen existieren. Dies sei darauf zurückzuführen, dass jegliche Veränderungen der äußeren Gestallt bzw. jegliche sichtbareVeränderungen im Wesen eines Menschen keinerlei Bedeutung haben, bis wir sie ihnen zuschreiben.

Basierend auf dieser Annahme und Barretts restlicher Theorie lässt sich vermuten, dass wir nicht die Emotionen unseres Gegenübers ermitteln, sondern vielmehr ein Teil von uns in jenem suchen. Wir nehmen das uns Bekannte, um das Unbekannte in anderen zu erklären. Wir suchen Parallelen zwischen unseren Gefühlswelten, um die Emotionen eines anderen nachvollziehen oder zumindest erahnen zu können .

Alles in allem lässt sich festhalten, dass die weitverbreitete Annahme, wir können einander gegenseitig lesen wie ein Buch, nicht vollkommen zutrifft. Ein Gesichtsausdruck allein, reicht nicht aus, um die Emotionen eines anderen zu ermitteln oder gar zu verstehen.


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