Antonia Schneider – Aka Journal ../../../index.html Deutsche SchülerAkademie Schwäbisch Gmünd 2026-1 Sat, 29 Aug 2026 20:03:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://doku1.schuelerakademien.de/wp-content/uploads/2026/07/favicon-150x150.png Antonia Schneider – Aka Journal ../../../index.html 32 32 Wissenschaftstheorie  ../../../kurs-6/wissenschaftlichkeit/index.html ../../../kurs-6/wissenschaftlichkeit/index.html Wed, 19 Aug 2026 16:15:44 +0000 ../../../index.html

Peter Janich (1942–2016) war ein deutscher Philosoph und beschäftigte sich ausführlich mit der Frage „Was ist Wissenschaft?”. Wissenschaft sei die Hochstilisierung lebensweltlicher Praxen, also alltäglicher Handlungen wie beispielsweise der Schreinerarbeit. Dabei werden Fachbegriffe und Messtechniken vereinheitlicht (vgl. Janich 1996, 63).

Janich zählt insgesamt eine Vielzahl an wichtigen Eigenschaften auf, um Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft zu differenzieren: Er greift auf, dass Wissenschaft eine Handlung zugrunde liegt. Eine Handlung sei dabei jedoch nicht wie im umgangssprachlichen Sinne dasselbe wie Verhalten, sondern basiere auf einer handlungstheoretischen Grundlage der Wissenschaften. 

Er teilt alles in Dinge und Geschehnisse auf, wobei Geschehnisse zusätzlich noch in Bewegungen und Regungen aufgeteilt werden. Bewegungen umfassen z.B. den freien Fall eines Balles. Regungen sind hingegen als Oberbegriff zu Verhalten und Handeln zu verstehen. Verhalten läge immer eine Ursache zugrunde.
Das Stolpern ist beispielsweise aus einer Unebenheit im Boden zurückzuführen oder aus der ungeschickten Wahl einer Lauftechnik. Zu beachten ist, dass Verhalten nicht unterlassen werden kann: Man kann sich nicht aktiv gegen Verhalten entscheiden. Zusätzlich kann Verhalten weder ge- noch misslingen, denn Verhalten ist im Gegensatz zu Handlungen nicht zielgerichtet, sondern beruht auf Ursachen.

Handlungen seien hingegen solche Regungen, zu welchen man auffordern kann und welche auch unterlassen werden können. Im Gegensatz zum reflexartigen Niesen einer Person, welches als Verhalten angesehen wird, ist das kontrollierte Niesen eines Schauspielers während einer Theateraufführung eine Handlung. Der Schauspieler könnte das Niesen unterlassen, die Person wiederum nicht (vgl. Abb. 1).

Sprachlich ist dabei wichtig zu differenzieren, dass man Verhalten bezogen auf dessen Ursache zwar erklären, aber nicht (i.e. auf ein Ziel hin gerichtet) verstehen kann. Handeln wiederum kann man auf dessen Ziele bezogen verstehen, jedoch nicht (i.e. kausal) erklären (vgl. Janich 1997, 28–31).

Das Handeln unterliegt im Gegensatz zum Verhalten einer gewissen Handlungskompetenz, nach welcher es zu beurteilen ist: Erstens der Zwecksetzungsautonomie, also der Selbstbestimmung des Zweckes des eigenen Handelns, zweitens aber auch der Mittelwahlrationalität, d.h. der Wahl der geeigneten Mittel, und drittens der Folgenverantwortlichkeit, also dass der handelnden Person die Folgen ihrer Handlung als Verdienst resp. Schuld zugeschrieben werden.

Abb. 1: Schema zu den Begrifflichkeiten der Handlungstheorie

Neben dem Handlungscharakter des Wissenschaft-Treibens betont Janich den Anspruch auf transsubjektive Gültigkeit, den Wissenschaften für ihre Behauptungen erheben. Transsubjektivität (lat. trans = über, über hinaus) bedeutet, dass die Subjektivität zu überwinden ist.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen somit prinzipiell für alle nachvollziehbar sein, indem die Normierung der sprachlichen Darstellung, wie die Einigung auf Fachbegriffe, stattfindet, die Methoden der Überprüfung geltend gemacht werden können und somit die Reproduzierbarkeit ermöglicht wird (vgl. Janich 1997, 43). Er formuliert „Wissenschaftliches Wissen soll transsubjektive Geltung haben.” (Janich 1997, 63). Niemand soll also diesem wissenschaftlichen Wissen widerspruchsfrei widersprechen können.

„Die Mondverschwörung”

Genau diese Forderung der Transsubjektivität bezogen auf wissenschaftliches Wissen ist bei Pseudowissenschaften nicht gegeben. Der Dokumentarfilm „Die Mondverschwörung” aus dem Jahr 2010 stellt eine Vielzahl pseudowissenschaftlicher Erklärungen vor. Anhand der Betrachtung dieser der Forderung nach transsubjektiver Nachvollziehbarkeit nicht genügenden (Pseudo-)Theorien können wir nicht nur unser Verständnis von wissenschaftlichem Wissen auf den Prüfstand stellen, sondern auch weiterhin cognitive fallacies erkennen, wie den schon vorher genannten confirmation bias

Beispielsweise greift die im Dokumentarfilm aufgeführte „Plutoniumverschwörung” diese Aspekte auf. Die gezeigte Vertreterin dieser Theorie versucht, anhand von nicht normierter Sprache und ihren eigenen Messmethoden Personen von ihrer Weltanschauung zu überzeugen. 
Sie geht davon aus, dass ein sog. „Plutoniumimperium” versucht, die Weltherrschaft zu übernehmen. Die Vertreterin der Theorie demonstriert mithilfe eines Kristallpendels, wie man die Plutoniumkonzentration von Objekten und Personen messen kann. Denn daraus zieht sie Schlüsse, ob das Objekt oder die Person Teil der Plutoniumverschwörung sind.

Ihre Methodik ist dabei nicht wissenschaftlich und hat keine transsubjektive Geltung. Die Erklärung genügt somit nicht unseren Kriterien der Wissenschaftlichkeit und kann als Pseudowissenschaft verstanden werden.

Gütekriterien zur Bewertung von psychologischen Theorien (Edgar Erdfelder)

Für die Bewertung psychologischer Theorien schlägt Erdfelder Gütekriterien vor. Sie umfassen drei Hauptkriterien und fünf  Nebenkriterien. Die Hauptkriterien sind die logische Konsistenz, also die Widerspruchsfreiheit der Theorie, der empirische Gehalt, dass bei der Theorie eine potenzielle empirische Falsifizierbarkeit möglich ist, und die empirische Bewährung, dass die Theorie nichttriviale Falsifikationsversuche erfolgreich überstanden hat.

Die zu bewertende psychologische Theorie wird der Reihenfolge der Kriterien nach untersucht. Denn wenn beispielsweise keine logische Konsistenz gewährleistet ist, ist es irrelevant, ob die empirische Bewährung gegeben ist. Zu den Nebenkriterien zählen die praktisch-technologische Relevanz, also die Anwendbarkeit, die emanzipatorische Relevanz (nach Holzkamp) und der heuristische Wert (altgr. heurískein = auffinden, entdecken). Dabei sind auch der integrative Wert und die Präzision für Erdfelder relevante Nebenkriterien. 

Diese Kriterien ermöglichen es, psychologische Theorien auf ihre Wissenschaftlichkeit zu prüfen und somit ihre Bewertung zu erleichtern.

Quellen:

  • Peter Janich, Kleine Philosophie der Naturwissenschaften, Beck, München 1997, 14-63.
  • Frickel, Thomas, Die Mondverschwörung (2011), HE-Film, W-film Verleih.

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